Manche Tage sind anders

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Manche Tage sind anders

„Ich mag nicht!“, rief Frau Tölke und kippte mit einem Handgriff den Teller mit der Suppe um.
Ihre Tischnachbarn schauten sie entsetzt an. Herrn Asmus fiel vor Schreck der Löffel aus der Hand. Der landete mit einem lauten Klirren auf seinem Teller.
„Aber Frau Tölke“, sagte das junge Mädchen, das in der Küche aushalf. „Sie hätten doch einfach sagen können, dass sie etwas anderes essen möchten. So ist das nicht nett von Ihnen!“
„Ich mag nichts anderes essen.“ Frau Tölke schniefte und Tränen tropften über ihre Wangen. „Ach, lassen Sie mich doch einfach in Ruhe! Was soll ich hier überhaupt? Und wo ist Arthur? … Arthur!!! … Aaarthur!!! Wo steckst du?“
Herr Asmus rollte mit den Augen. „Jetzt sucht sie schon wieder diesen Arthur. Das ist ja nicht auszuhalten!“, schimpfte er und Erna Weidemann stimmte ihm zu.
„Wie in einem Irrenhaus!“
„Aber meine Herrschaften, was ist denn heute hier los?“ Frau Osterfeld, die Heimleiterin war zu den Senioren gekommen. Die Küchenhilfe hatte darum gebeten. „Liegt es am Vollmond?“, fragte sie lächelnd und zeigte nach oben.
„Wohnt der da oben?“, wollte Frau Tölke wissen, die ihre Suppe und den Arthur gerade vergessen hatte.
„Unsinn“, mischte sich die alte Magdalena ein, die von allen nur „Wetter-Magda „ genannt wurde. „Der Nordostwind ist schuld. Er schleicht übers Land und nagt sich tückisch in unsere Leiber. Irgendwann frisst er uns auf. Es dauert nicht mehr lange.“
„Hat er Hunger? Dann kann er meine Suppe haben!“, schlug Frau Tölke vor. „Die schmeckt mir sowieso nicht.“
Mittlerweile hatte die junge Küchenhilfe den Tisch wieder gesäubert. Sie stellte Frau Tölke einen Teller mit belegten Broten hin.
„Na, ist das mehr nach Ihrem Geschmack?“, fragte sie freundlich.
Frau Tölke, ganz die nette, alte Dame, lächelte die junge Frau an. „Gerne! Sehr gerne nehme ich diesen Küchengruß an. Das ist sehr liebenswürdig.“ Sie deutete auf die Teller der anderen. „Aber dann, dann möchte ich die gleiche Suppe haben wie diese Herrschaften hier. Es ist nicht richtig, sie mir zu verweigern. Hören Sie?“
So war das manchmal mit Frau Tölke, aber wirklich nur manchmal. An Tagen, an denen sich die Luft ein wenig dünner und die Seele etwas trauriger anfühlte.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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