Schlagwörter

, , , , , ,

Weit weg

Als er von der Schule kam, saß seine Mutter noch immer am Frühstückstisch. So, wie er sie am Morgen verlassen hatte. Im Morgenrock, bleich, ungekämmt. Das Frühstück lag unberührt vor ihr. Die Marmelade auf dem Brötchen war eingetrocknet, auf dem Kaffee hatte die Milch eine unansehnliche, rissige Hautschicht gebildet. Genauso bleich und faltig wie Mutters Gesicht.
Tom schüttelte sich. „Mama! Du hast ja noch gar nicht gefrühstückt!“
Seine Mutter blickte auf. Ihr Blick war verklärt. Sie schien Tom gar nicht zu sehen. Es war, als blickte sie durch ihn hindurch.
„Mama!!!“ Tom fühlte so etwas wie Angst in sich hoch kriechen. „Wo bist du, Mama! Hallo!?“
Toms Mutter lächelte. „Ach, Tommi, mein Kleiner“, flüsterte sie, und ihre Stimme klang weit weg. „Daheim, Tommi. Ich bin bei Papa. Ist das nicht wundervoll?“
Tom nickte. „Ja, wundervoll.“
Er nahm sie bei der Hand und führte sie ins Badezimmer.
„Wasch dich erst einmal und zieh dich an!“, sagte er freundlich. „Ich mache uns etwas zu essen.“
„Ach, Tommi“, seufzte seine Mutter, und ihr Blick war leer.
Schnell schloss Tom die Badezimmertür. Er konnte seine Mutter so nicht sehen. Er konnte es nicht mehr ertragen. Wenn er ihr doch bloß helfen könnte!
Er hatte Angst. Große Angst. Vor einem Jahr war noch alles in Ordnung gewesen. Immer war Mama die Starke in der Familie gewesen. Jeder ging zu ihr, wenn er ein Problem hatte. Und jetzt?
„Alles wegen diesem Motorradraser“, brummte er. „Oh Papa!“
Und er dachte an jenen Tag im letzten September, als das Motorrad in einer Kurve schlingerte und direkt in Papa hinein raste. Viele Tage hatte Papa um sein Leben gekämpft. Er hatte es nicht geschafft. Und nun war er schon über ein Jahr tot.
„Wir werden das schon schaffen“, hatte Mama damals gesagt. „Irgendwie.“
Dann waren sie umgezogen. Weit weg in die Stadt. Das Leben war billiger hier.
„Ach, Mama“, seufzte Tom und ging ins Bad zurück.
Seine Mutter stand reglos vor dem Spiegel. „Fahren wir jetzt heim zu Papa?“, fragte sie und lächelte dieses seltsame, leere Lächeln.
Tom nickte. „Bald“, sagte er. Ja, und bald würde seine Schwester Tessa, die in Hamburg studierte anrufen. So wie immer um diese Zeit. „Ist alles in Ordnung?“, würde sie fragen. „Wie geht es Mama?“ Und Tom würde „Schon viel besser“ antworten.
So, wie immer um diese Zeit …

© Elke Bräunling

Advertisements