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Der kleine Bauernhof lag am Rand eines großen Waldes.
Mit einem eleganten Schwung fuhr Jule ihr Auto in die Hofeinfahrt und parkte dann neben der Scheune.
Sie stieg aus und sah sich um. Alles war so, wie es immer gewesen war. Selbst Prinz, der Hofhund war noch da und machte sich jetzt lautstark bemerkbar.
Jule ging auf den Zwinger zu und sprach beruhigend auf das Tier ein:
„Hey, Prinz, ich bin es doch, die Jule!“ Sie hielt ihre Hand an den Zaun und ließ den Hund schnuppern, der sich schon bei ihren Worten an ihn etwas beruhigt hatte. Nun wedelte er mit dem Schwanz und freute sich. Er hatte seine alte Freundin erkannt.
Aufmerksam geworden durch das Gebell seines Hundes kam Hinnerk aus dem Stall, um nach dem rechten zu sehen.
„Dat glaubste ja nicht, die Jule!“, rief er erfreut aus und eilte auf die junge Frau zu.
„Mensch, wie lange ist das her, dass ich dich gesehen habe!“
Jule umarmte Hinnerk herzlich. Wie oft hatte sie als Kind bei der Feldarbeit geholfen und auch später noch war sie immer mal wieder zu Besuch bei ihm gewesen. In den letzten zwei Jahren gab es aber kaum Zeit dafür.
„Das ist ziemlich genau zwei Jahre her, dass ich das letzte Mal hier war. Ich freue mich, dich zu sehen und dass der Prinz auch noch immer quietschfidel ist, das freut mich auch sehr!“
Hinnerk lud Jule ein, einen Kaffee mit ihm zu trinken und sie nahm das gern an. Sie setzten sich in die Stube und plauderten.
Jule erzählte von ihrem Studium und Hinnerk staunte darüber, was das Mädchen so alles erlebte in der großen Stadt.
„Vermisst du das Leben auf dem Lande manchmal?“, wollte er wissen. Jule stopfte sich schnell ein Stück Rosinenbrot in den Mund und nickte zustimmend mit dem Kopf.
„Und deine Rosinenbutterbrote, die vermisse ich auch!“, verkündete sie mit vollem Mund, so dass man sie kaum verstehen konnte.
„Gibt es denn in der Stadt kein Rosinenbrot?“, fragte Hinnerk und schnitt schnell noch eine Scheibe ab, um sie Jule hinzulegen.
„Doch, schon, aber es schmeckt einfach nicht so gut wie hier“, behauptete Jule.
„Das ist bitter!“ Hinnerk grinste und fuhr fort:
„Dann solltest du öfter herkommen.“
„Das will ich ja auch, aber heute habe ich etwas ganz Besonderes vor und da musste ich einfach kommen.“ Hinnerk hörte interessiert zu und unterbrach Jule nicht.
„Ich möchte Fliegenpilze im Mondlicht fotografieren.“
„Du warst schon immer ein bisschen verrückt, mein Kind!“, behauptete Hinnerk, der sich nicht vorstellen konnte, was an Fliegenpilzen im Mondlicht so besonders sein sollte.
„Weißt du Hinnerk, ich habe doch schon immer Gedichte geschrieben.“
„Ja, das weiß ich wohl noch, ich hab ja immer gestaunt, wie leicht dir das fiel und wie habe ich mich gefreut, als du mir eins zum Geburtstag gemacht hattest.“ Er deutete hinter sich.
„Schau, da hängt es gerahmt an der Wand!“
Jetzt erst entdeckte Jule den Bilderrahmen, der an der Wand hinter der Eckbank hing.
„Ach wie schön, du hast das noch!“, rief sie aus und sprang auf, um das Gedicht zu lesen. Sie lächelte. Wie gut das tat, dass der alte Mann es aufbewahrt hatte.
Jule war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen und um das zu überspielen wechselte sie schnell das Thema.
„Ich gestalte einen Bildband mit Gedichten und Fotos. Meine Oma wird doch in diesem Sommer 80 Jahre alt, ich möchte ihr eine Freude machen und da sie Fliegenpilze so liebt, habe ich ein Gedicht geschrieben und brauche nun noch ein passendes Bild dazu und das möchte ich heute machen.“
Hinnerk wurde nachdenklich. Er drückte den Zeigefinger auf seine Nasenspitze und überlegte.
„Wenn du den Pilz im Mondlicht knipsen willst, dann musst du in der Nacht im Wald sein, das ist zu gefährlich und ich werde das nicht zulassen!“
Jule strich Hinnerk beruhigend über den Arm.
„Ach, Hinnerk, ich bin doch schon groß, mir wird nichts passieren.“
„Kommt nicht inne Tüte, aber so was von nicht!“, schimpfte Hinnerk gereizt.
Jule gab nach, sie wollte ihren alten Freund nicht verärgern.
„Dann musst du eben mitkommen!“, schlug sie vor.
„Und wie willst du die Pilze im Dunkeln finden?“, fragte Hinnerk und kratzte sich am Kopf.
„Gute Frage, wir müssen einfach schauen, ob der Mond heute hell scheint, dann werden wir auch die Pilze finden. Heute ist doch Vollmond.“
„Und wenn Wolken vor dem Mond sind, dann sieht man nichts, gar nichts!“
„Wir nehmen eine Taschenlampe mit, Mensch Hinnerk, wir kriegen das schon hin.“ Jule wurde ungeduldig. Sie hatte sich das leichter vorgestellt. Hinnerk hatte ja Recht, so einfach war dieses Unternehmen nun wirklich nicht.
Die beiden schwiegen, jeder hing seinen Gedanken nach. Dann leuchteten Hinnerks Augen auf, er hatte eine geniale Idee.
„Komm!“, rief er und verließ die Stube. „Nun komm schon!“
Jule folgte dem Alten in die Scheune. Der nahm eine Holzkiste und einen Spaten und lief los, Jule hinterher. Nach ein paar Metern waren sie am Waldrand angekommen. Zielsicher steuerte Hinnerk eine Lichtung an, gar nicht weit vom Rand entfernt.
„Da hinten, da sind immer Pilze!“, rief er und deutete nach vorn. „Komm!“
Jule wagte es nicht, Fragen zu stellen. Hinnerk würde schon wissen, was er tat und wirklich, nach ein paar Minuten fanden sie die ersten Pilze, eine ganze Gruppe von wunderschön leuchtendroten Fliegenpilzen. Hinnerk setzte den Spaten an und grub sie kurzerhand aus. Jule ahnte nun, was er vorhatte.
„Wir sollten noch etwas Moos ausgraben, damit die Umgebung möglichst natürlich aussieht, oder?“
„Genau! Und ein paar Äste und Blätter nehmen wir auch mit und dann machen wir das zu Hause alles schön zurecht und wir warten in aller Ruhe auf den Mond. Dann kannst du deine Fotos machen.“
Unter den dicken Eichen in der Hofeinfahrt gaben sie den Pilzen ein neues Zuhause. Wunderschön sah das aus, stolz betrachteten sie ihr Werk. Nun mussten sie nur noch auf die Dunkelheit und den Mond warten. Die Zeit bis dahin verging schnell, denn sie hatten sich noch so viel zu erzählen.
Die Fotos gelangen wunderbar. Jule war zufrieden, Hinnerk war zufrieden und Prinz war ebenfalls zufrieden, denn er bekam die Kotelettknochen vom Abendbrot, das der Hinnerk mit viel Liebe zubereitet hatte.

© Regina Meier zu Verl

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