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Das Missverständnis

Nora und Tom kannten sich seit einem Jahr.
Nora hatte einen Tisch beim Italiener ihres Vertrauens bestellt. Pünktlich um 19.00 Uhr betrat sie das Restaurant und steuerte „ihren“ Tisch an, Tom war schon da. Als er Nora erblickte, sprang er auf und kam ihr entgegen.
„Du siehst umwerfend aus!“ Er küsste sie auf beide Wangen und half ihr dann aus dem Mantel. Ganz Gentleman war er heute wieder, er rückte ihren Stuhl vom Tisch ab und wartete, bis sie sich gesetzt hatte.
Auf dem Tisch stand ein bunter Rosenstrauß.
„Der ist für dich!“, Toms Augen leuchteten, als er ihre Freude bemerkte.
„Du bist unglaublich süß.“ Nora war glücklich. „Aber jetzt habe ich erstmal Hunger auf etwas Deftiges, wie ist es mit dir?“
Tom nickte zustimmend.
„Oh ja, ich habe heute Mittag nur eine Kleinigkeit gegessen.“
Die beiden jungen Menschen studierten die Speisekarte und entschieden sich für Antipasti misti – eine gemischte Vorspeisenplatte mit Auberginen, Zuccini und Paprika, eingelegt in
einer würzigen Marinade mit frischem Olivenöl, Kräutern und reichlich Knoblauch. Dazu gab es frisches Pizzabrot mit Kräuterbutter. Anschließend ließen sie sich leckere Garnelen auf hausgemachten Bandnudeln schmecken.
„Mmh“, schwärmte Nora. „Das ist alles so lecker, zu Hause bekomme ich das nicht so hin!“
„Wir sollten mal zusammen kochen und wenn wir genügend Knoblauch im Haus haben, dann wird uns das ebenso gelingen“, erwiderte Tom und grinste.
„Meinst du, dass so viel Knoblauch verwendet wurde?“, fragte Nora und ihre Miene verfinsterte sich ein wenig.
„Was ist los?“ Tom hatte den Stimmungsumschwung bemerkt.
„Ach, eigentlich nichts, es war köstlich, aber …“
„Was, aber?“
„Ich habe morgen eine Verabredung mit meinem Bankberater. Der wird sicher nicht begeistert sein von meinem Duft!“
Nora schob den Gedanken aber zur Seite, heute wollte sie feiern. Sie hob ihr Glas und prostete Tom zu.
„Auf den wunderbaren Abend!“

Als Nora am Morgen erwachte, bereute sie zutiefst, dass sie ihre Speisen am Vorabend so gedankenlos gewählt hatte. Sie hatte einen ekligen Geschmack auf der Zunge, der bestätigte, dass sie Unmengen von Knoblauch zu sich genommen hatte. Dagegen würde weder das Zähnputzen, noch eine Mundspülung oder ein Pfefferminzbonbon helfen, dessen war sie sich sicher.
Sie duschte ausgiebig, machte sich dann besonders sorgfältig zurecht und trank ein großes Glas Milch, bevor sie das Haus verließ.
‚Vielleicht hilft das ein wenig’, dachte sie hoffnungsvoll und machte sich auf den Weg.

In der Bank meldete sie sich am Empfang an.
„Ich habe einen Termin, Nora Fischer!“
Die Sekretärin schaute auf ihren Bildschirm und nickte bestätigend.
„Frau Fischer, Ihr Sachbearbeiter ist leider erkrankt, aber sein Stellvertreter wird sich sofort um Sie kümmern. Bitte folgen Sie mir!“
Sie ging voraus und Nora folgte ihr in ein kleines Büro.
„Nehmen Sie doch bitte Platz und gedulden Sie sich einen kleinen Moment!“, sagte die Dame freundlich. Trotzdem hatte Nora das Gefühl, dass die Angestellte sie ein wenig hochnäsig behandelte.
‚Sicher stinke ich wie ein mit Knoblauch vollgesogener Schwamm’, dachte Nora und fühlte sich sehr unwohl.

Ein Herr im dunklen Anzug betrat das Büro. Er begrüßte Nora.
„Schön, dass Sie da sind, Frau Fischer. Knoblauch!“
Der Schreck fuhr Nora in die Glieder. Hatte er es also gemerkt.
„Ich weiß!“, stammelte sie. „Es tut mir auch wirklich sehr leid!“
„Dafür können Sie doch nichts!“ Der Mann lächelte freundlich und setzte sich an den Schreibtisch.
„Darf ich Ihnen etwas anbieten, einen Kaffee vielleicht?“
„Nein, danke schön“, Nora wurde immer unsicherer. Möglicherweise würde sie den Kaffee umstoßen oder sich bekleckern, die ganze Situation war schon peinlich genug.
„Sie möchten sich also ein neues Auto kaufen und wir wollen heute über die Finanzierung sprechen, richtig?“, sagte der Mann, nachdem er eine Notiz seines Kollegen gelesen hatte.
Nora hielt ihre Hand vor den Mund und nuschelte: „Ja, genau!“
„Wie bitte?“, fragte der Bankangestellte.
„Ich halte nur meine Hand vor den Mund, damit ich Sie nicht weiter belästige“, erklärte Nora nun etwas deutlicher.
Der Mann sah sie mit großen Augen an, so als habe er noch immer kein Wort verstanden.
„Ich verstehe nicht …“, sagte er dann und starrte Nora unverwandt an.
„Na, wegen des Geruchs!“, rief Nora und Tränen stiegen ihr in die Augen.
„Welcher Geruch?“, fragte der Mann.
„Sie haben es doch eben selbst gesagt, Knoblauch!“
Der Bankangestellte versuchte die Fassung zu behalten, verlor sie aber zusehends. Er prustete laut los. Vor Lachen brachte er kein Wort zustande, jetzt liefen auch ihm die Tränen über die Wangen, nur aus anderen Gründen.
Er stand auf, ging auf Nora zu und deutete auf das Schild an seinem Anzugrevers. Darauf stand: „Es betreut Sie: Herr Knoblauch“

© Regina Meier zu Verl

 

 

 

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