Schlagwörter

, , , , , , , , ,

Blütengeflüster

„Ich bin die schönste Blüte“, prahlte die rosafarbene Brombeerblüte.
Mitleidig sah sie ihre ältere Schwester an.
Die hatte ihre beste Zeit schon hinter sich. Schlaff neigen sich ihre Blütenblätter zu Boden. Schlaff, alt, faltig. Ihr Blütenstempel-„Haar“-Schmuck stand ihr wirr zu Kopfe.
„Es ist bestimmt nicht leicht, das Alter zu ertragen“, fügte sie hinzu. Sie wollte trösten, doch im Klang ihrer Worte schwang der übermütige Hochmut blühender Jugend.
Die Alte schwieg.
„Ich will auch alt und groß und schön werden“, tönte an ihrer Stelle eine der Jungblüten, deren Blütenblätter zusammengefaltet in der Knospe ruhten. „Ich will nicht länger Kind sein und jung und dumm.“
„Ruhe!“, herrschte die schöne Blüte sie an. „Wenn Erwachsene reden, haben Kinder zu schweigen.“
„Erwachsen? Ha! Gestern warst du noch eine von uns gewesen“, schmollten die jungen Blütenknospen nun vereint. „Glaube nicht, du bist klüger als wir, nur weil du nun dein Blütenkleid tragen und der Sonne zulächeln darfst.“
„Gestern“, murmelte die Alte versonnen. „Ja, gestern war ich die Schönste hier im Strauch gewesen. Oh, was habe ich nicht alles erlebt! Eine kleine Elfe hat mich besucht. Mit einem zart duftenden Pinsel hat sie mein Blütenkleid rosa bemalt. Die Fee der Blütendüfte hat mich umarmt und mir meinen brombeersüßen Blütenduft geschenkt. Bienen sind gekommen, Wespen, Hummeln, Käfer, Ameisen und Fliegen. Alles aus der Waldwelt haben sie mir berichtet. Alles, was sie wussten. Und jede, ich sage euch, jede von ihnen hat mich meiner Schönheit und meines Duftes wegen geliebt, gelobt und verehrt.“
Die alte, welkende Blüte atmete versonnen den Duft des Waldes ein, dann blickte sie stolz auf ihren Leib, der sich unter den Blütenstempeln wölbte. „Und sie haben mir als Gastgeschenk die kleine Beerenfrucht gebracht. Seht ihr? Nun wächst und reift sie in mir heran. Hegen und pflegen werde ich sie. Sie gibt meinem Leben einen Sinn. Reife. Ich bin ein Zeichen der Fruchtbarkeit und Reife. Wozu, sagt mir, brauche ich noch meine verführerische Schönheit? Sie ist nicht wichtig.“
„Pah!“ Die schöne blühende Blüte blinzelte irritiert. „Und was, denkst du, ist dir wichtig im Leben?“
Die Alte lächelte. „Das, was bleibt.“ Dann schwieg sie.
Auch die blühende Blüte schwieg. Sie lächelte nicht, denn sie verspürte so etwas wie Furcht. Die Fee der Blütendüfte hatte sie nämlich noch nicht umarmt und Bienen,Wespen, Hummeln, Käfer, Ameisen und Fliegen hatten ihr noch keinen Besuch abgestattet. Man würde sie doch nicht übersehen? Oder gar vergessen? Nicht auszudenken wäre das. Auch ihr Leben sollte einen Sinn haben.
„Wir wollten endlich auch eine schöne Blüte sein“, quengelten die Jungblüten, die das Gespräch ihrer älteren Schwestern belauscht hatten, nun in ihren Knospen weiter. „Duftend schöne Blüten mit Fruchtbarkeit und Reife wollen wir sein. Hört ihr? Wir wollen …“
Laut und lauter dröhnten ihre Stimmen durch den Strauch.

„Mir ist es hier zu bunt“, brummte die kleine Fliege und flog weiter. Eigentlich hatte sie sich diese schöne Blüte für ein Blütenküsschen erwählt. Doch sie duftete nicht.

© Elke Bräunling

Aus dem Buch:

NEU IM JUNI – WALDGESCHICHTEN

Taschenbuch: Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald: Waldgeschichten für Kinder
Ebook:
Hör mal, Oma! Ich erzähle Dir eine Geschichte vom Wald

Information

Advertisements