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Herbstmorgen

Die Stunde, von der Zeit geschenkt, atmet die Sekunden im Licht des Herbstmorgens. Das Gewitter in der Nacht hat die meisten Blätter von den Bäumen gefegt. Wie Goldtaler sind sie vom Himmel gefallen und schmücken nun den Waldboden mit einem bunten Teppich. Ein nicht enden wollender Goldregen. Blätter, deren Farben der Zeit hinterher laufen. Von Stunde zu Stunde mehr hauchen sie ihr Lächeln aus. Braune Ränder des Vergänglichen lassen ihren Teppich alt, verschlissen erscheinen. Ein einst bunter Teppich der Vergänglichkeit.
Noch senden die Scheidenden ihre Düfte in das Land. Warme, weiche Düfte nach Honig, Karamell, Vanille, Steinpilzen, Waldmoos und Traubenmost. Sie locken, die Düfte. Schmeicheln. Lassen das Sterben süß erscheinen. Süß, duftig, weich, lockend – alles in einem.
Ein Schnuppern. Es ist warm draußen. Viel zu warm für die Jahreszeit.
Auch sie lockt, die Wärme. Sie lockt gaukelnd. Ich schließe die Augen, lasse mich von ihr tragen in den Sommer zurück. Es ist ein zartes, liebevolles Tragen. Ein verführerisches. Meine Gedanken wandern zurück zu den warmen Tagen des Sommers.
Für einen Moment huscht eine eilige Wolke über das Schmeicheln der Sonne hinweg. Sie taucht das Tal vor mir kurz in einen herbstlichen Schatten. Ein Schatten, der den Augen ein trügerisches Sommergold, mit dem die Blätter ihrem Ende trotzen, schmeichelt. Der sie gaukelt. Verschaukelt.
Ein trügerischer Tag. Nicht Sommer, nicht Herbst, nicht Winter.
„Halte dich warm“, raunt mir eine Stimme zu. „Es ist nicht, wie es scheint.“
Stimmt. Dieser Tag ist nicht, wie er scheint. Und ich weiß: Er ist der letzte. Der letzte warme Tag in diesem Jahr. Das Abschiedsgaukeln des Sommers wird sich mit ihm endgültig verabschieden. Seine Helfer schreien es bereits laut in die Lüfte hinaus.
Am Horizont versammeln sich die Boten des anderen, des wilden, kalten Kerls. Der zeigt seine Unduldsamkeit. Vorbei mit den Spielchen. Keine Sperenzchen mehr. Herbst ist’s. Kühl ist’s. Stürmisch wird’s bald sein. Hört ihr?
Ja, ich höre.
Ich blicke zu dem Raben hinauf. Er sitzt auf dem höchsten Ast der Buche. Er krächzt laut. Es scheint, als riefe er Drohungen – oder Botschaften? – übers Tal zur anderen Seite des Berges hinüber. Rabenworte, die nicht unbeantwortet bleiben. Im Sommer schweigt er, dieser Bote. Mit jedem schwindenden Blatt dröhnt seine Stimme lauter nun, drängender, verkündender.
Warum fällt er mir immer im Herbst auf? Seit ich denken kann, sitzet er oder einer seiner Kollegen dort im Baum. Sie meckern den Herbst herbei, scheint mir. Nein, meckern ist das falsche Wort. Triumphieren trifft es besser.
Ja, er triumphiert. Es ist, als genieße er diese Zeit des Abschieds.
Und ich fühle mich jedes Jahr aufs Neue von diesem Triumphieren angestoßen. Leicht verärgert. Warum freut er sich?
Ich hebe die Arme, blicke den Wolken hinterher. „Bleibe, Wärme!“, will ich rufen. „Bleibe und lasse deine Stiefschwester, die Kälte, nicht kommen. Bleib!“
Doch ich schweige. Und schweigend nehme ich die Atmosphäre, die Stimmung des Morgens und des drohenden Abschieds in mich auf.
Von Osten von den weiten Wäldern fliegt in rasender Schnelle eine schwarze Starenwolke heran. Schnell. Hart. Zielsicher. Streng. Unbeirrt. Stumm. Geradewegs zieht sie ihren Weg von Ost nach West, um am Ende des Waldes in einem eleganten Bogen in die Südrichtung zu wechseln.
„Tschüs und macht’s gut!“, rufe ich ihnen hinterher.
Ich schlucke. Es ist so weit. Und die Wolken kommen näher. Bald wird es donnern und blitzen und stürmen … und die geschenkte Stunde an diesem geschenkten Herbstsommertag wird Vergangenheit sein.
Bis zum nächsten Jahr.
Macht’s gut!

© Elke Bräunling

himmelmeerHerbstahnen

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