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Das Chorjubiläum

„Meine Damen, ich bitte um Ruhe!“
Hans hob die Arme, um auf sich aufmerksam zu machen. Leicht hatte er es nicht mit uns, so viel gab es zu erzählen, wenn man sich eine Woche lang nicht gesehen hatte.
Er klopfte mit dem Taktstock auf sein Pult, um seiner Bitte um Ruhe Nachdruck zu verleihen.
Langsam verstummten die Frauen und schauten ihren Chorleiter erwartungsvoll an.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zum Herbstkonzert. Deshalb wollen wir nun mit der Probe beginnen!“
Elfriede Werner hob den rechten Arm und schnippte mit den Fingern.
„Ja, bitte, Elfriede. Gibt es noch was?“, fragte Hans und alle Köpfe wandten sich Elfriede zu, die unsere erste Vorsitzende war.
„Ich möchte alle bitten, nach der Probe noch einen Moment zu bleiben. Wir hatten letzte Woche Vorstandssitzung und ich möchte gern kurz berichten, was dort beschlossen wurde.“
Ein Raunen ging durch den Saal. Bisher war noch nichts nach außen gedrungen von der Sitzung. Alle waren gespannt, was es für Neuigkeiten geben würde, vielleicht eine Chorreise, die war schon lange fällig.
Wieder dauerte es ein paar Minuten, bis die Probe endlich beginnen konnte.
„Wir singen zum Aufwärmen: Bunt sind schon die Wälder! Renate, denk an dein Solo, ich gebe dir den Einsatz!“
Hans setzte sich ans Klavier und stimmte einen Akkord an, woraufhin ein Summen erklang. Der Frauenchor „Cantare“ von 1914 stimmte sich ein. Dann erklang das Herbstlied, tausend Mal gesungen und immer wieder schön. So empfanden es die Frauen.
Dem Gesichtsausdruck des Dirigenten war allerdings zu entnehmen, dass es nicht ganz so schön geklungen hatte. Wir kannten ihn lange genug, um das zu erkennen.
„Ich weiß, ich habe das schon hundert Mal gesagt, aber ich versuche es noch einmal: Bitte schaut mich an! Ihr klebt an den Noten fest und verpasst meine Einsätze. Das geht so nicht! Ihr kennt doch dieses Lied in- und auswendig!“, schimpfte er. „Also, noch einmal!“
Hans setzte sich wieder ans Klavier, ließ das Vorspiel erklingen und der Chor setzte ein. Mir fiel auf, dass Käthe, die in der Reihe vor mir stand, alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war. ‚Hoffentlich kippt sie nicht um’, dachte ich noch, als es auch schon passierte. Ihre Nachbarinnen konnten gerade noch verhindern, dass sie fiel. Schwer atmend saß sie auf ihrem Stuhl.
Hans unterbrach und eilte zu ihr.
„Käthe, was ist los? Soll ich einen Arzt rufen?“
„Nein, nein, es geht gleich wieder!“, behauptete Käthe und zog ein Fläschchen Parfüm aus der Tasche. Sie ließ ein wenig davon in ihre Hände tropfen und rieb es sich auf die Stirn und die Schläfen.
Der Geruch erinnerte mich an meine Großmutter, die auch immer ein solches Parfüm bei sich hatte. „Dat hölpet for allet!“, hatte sie immer behauptet und wie es schien, war das auch so. Käthe ging es besser, ihre Wangen röteten sich bereits wieder und die Probe konnte weitergehen.
Konzentriert sangen wir alle Lieder des Herbstprogramms und auch Käthe war wieder einsatzbereit. Ihre Stimme war jedenfalls nicht zu überhören, denn sie legte sich nun richtig ins Zeug. Oft hatte Hans darauf hingewiesen, dass sie doch ein wenig leiser singen sollte. Heute verzichtete er darauf. Logisch, er wollte sie nicht ärgern nach dem Zwischenfall.
Außerdem war Käthe die Tochter der Gründerin und da der Chor sein Hundertjähriges feierte, war sie eine der Hauptpersonen, die nach dem Konzert geehrt werden würde. Das gab der Veranstaltung ein besonderes Gewicht, alle würden da sein, der Bürgermeister, die Geistlichen und sogar ein Abgeordneter des Sängerbundes.
„Meine Damen, das war prima, nach den anfänglichen Schwierigkeiten bin ich doch sehr zufrieden. Es wir ein schönes Konzert werden. Zwei Wochen haben wir ja noch, da können wir dem ganzen noch den nötigen Feinschliff verpassen. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend!“
Elfriede legte ihre Notenmappe zur Seite und trat vor den Chor. Hans setzte sich zu den Sängerinnen.
Elfriede räusperte sich. Ihrem Gesichtsausdruck nach handelte es sich weder um eine Reise, noch würde sie etwas Erfreuliches verkünden. Alle dreiundzwanzig Sängerinnen schwiegen angespannt. Die Vorsitzende nahm ihre Brille ab und schaute uns lange an, bevor sie anfing zu sprechen.
„Ihr Lieben“, begann sie. „wir haben schon öfter darüber gesprochen, dass unser Chor langsam aber sicher überaltert. Uns fehlen junge Stimmen, um die Qualität des Gesangs wieder zu verbessern. Wir alle haben uns ja bemüht, neue Sängerinnen zu finden. Leider war das vergeblich. Also haben wir im Vorstand nochmals darüber gesprochen und denken, dass es das Beste sein wird, den Chor aufzulösen, bevor die Leute über uns lachen.“
Schweigen! Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Betreten schauten sich die Frauen an. Erste Tränen liefen über die Wangen der Damen. Schlimmer hätte es nicht kommen können, es erwischte uns kalt, und das so kurz vor dem großen Jubiläumskonzert.
„Ja aber …“, stammelte Kornelia, die Sopranistin in der vorderen Reihe links außen.
„Das können wir doch nicht machen! So ein traditioneller Chor, der älteste in unserer kleinen Stadt. Wir müssen uns doch nicht verstecken, nur weil wir ein wenig älter geworden sind.“
„Wir müssen Werbung machen, um neue Sängerinnen zu gewinnen!“, rief Käthe, die sich von ihrem Schwächeanfall erholt hatte. „Der Chor ist alles was ich habe, seit mein lieber Konrad nicht mehr da ist. Was soll ich denn ohne euch machen?“
Hans erhob sich und klopfte wieder mit dem Taktstock aufs Pult. Eigentlich äußerte er sich niemals zu chorinternen Dingen. Er war der musikalische Leiter und alles andere ging ihn nichts an. Das hatte man ihm im Laufe der Jahre deutlich zu verstehen gegeben.
„Meine Damen, darf ich meine Meinung dazu sagen?“, fragte er. Alle Frauen stimmten ihm zu, hoffnungsvoll, denn vielleicht hatte er ja die Lösung.
„Ich bin seit nunmehr 15 Jahren Dirigent dieses Chores. Wir sind sozusagen gemeinsam in die Jahre gekommen. Ich glaube, dass das Problem nicht bei euch liegt, sondern eher bei mir. Ihr braucht moderneres Liedgut, einen jungen frischen Dirigenten, dann kommen auch neue Stimmen in den Chor. Ich bin euch gern bei der Suche behilflich und das Weihnachtskonzert meistern wir noch gemeinsam. Dieser Chor darf nicht sterben!“
‚Er opfert sich’ dachte ich und kämpfte mit den Tränen. Den anderen Sängerinnen ging es wohl ebenso, denn niemand widersprach. Wir beschlossen, die Sache nochmals zu überdenken und bis zu unserem großen Konzert sprachen wir kein Wort mehr darüber. Wir wollten uns die Freude nicht verderben, doch in unseren Herzen bewegten wir das Thema hin und her.
Dann endlich war der große Abend gekommen. Aufgeregt wie die jungen Hühner sagen wir uns in einem Klassenraum warm, denn in der Aula des Gymnasiums hatten sich schon die Gäste versammelt. Bis auf den letzten Platz war der prächtig geschmückte Saal gefüllt.
Ich glaube, dass wir noch nie so schön gesungen haben wie an diesem Abend. Begeisterter Beifall erklang am Schluss und Zugaben wurden gefordert. Wir waren glücklich, für den Moment. Elfriede hatte sich überlegt, dass am Schluss jede Sängerin eine rote Rose für Hans haben sollte. Jede von uns überreichte ihm eine prächtige Rose, mit einer Umarmung oder ein paar lieben Worten. Auch in Hans’ Augen glitzerten Tränen.
„Wir sind sehr stolz auf diesen Chor!“, sagte der Bürgermeister und auch der Mann vom Sängerbund versicherte uns: „Wunderbar war dieses Konzert, ich bin sehr froh, dass es noch Chöre wie diese gibt und wir vom Sängerbund sind bestrebt, das Chorwesen zu stützen und zu erhalten. Danke für diesen schönen Abend, gern werde ich im nächsten Jahr wiederkommen, wenn Sie, meine Damen den Chor ins 101. Jahr geleitet haben!“
Hans ist noch immer unser Dirigent und wir werden älter und älter. Manchmal bringt eine von uns eine jüngere Sängerin mit, einige bleiben, andere gehen wieder. Unser Liedgut ist moderner geworden. Wir singen sogar mal ein Lied von den Beatles und das ist eine große Herausforderung für uns, vor allem, weil wir in Englisch singen und viele von uns haben das nie gelernt. Elfriede hat uns alles in Lautschrift aufgeschrieben, so schaffen wir auch das – wo ein Wille ist, ist auch ein Lied, nicht wahr?
© Regina Meier zu Verl

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