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Frau Berger lächelt

Dieser Tag sollte für sie kein besonderer Tag sein. Sie erwartete nichts. Und doch hatte sich am Morgen ein Fünkchen Hoffnung in ihre Seele geschlichen. Für einen kurzen Moment, als das Telefon exakt um 7.30 Uhr läutete. Genau zu dieser Zeit pflegte sie nach der Morgentoilette das Kaffeewasser aufzusetzen. Es konnten nur die Kinder sein, die sie überraschen wollten und die Sonntagmorgenruhe ‚störten’.
„Sie haben diesen Tag also doch nicht vergessen“, murmelte sie. Dann straffte sie sich, hob die Augenbrauen, lächelte. Das verhieß Stärke und verlieh zugleich eine heitere Ausstrahlung. Sie setzte die Brille ab, strich ihr Haar zurück und nahm den Telefonhörer.
‚Lächeln‘, ermahnte sie sich stumm. ‚Du musst beim Sprechen lächeln. Es lässt die Worte klingen wie Musik, fröhlich und hell. Hörst du?‘
„Berger!“ Sie lächelte und in ihrer Stimme schwebten Lebensfreude und Abenteuerlust. „Hallo?“
„Hallo? Wer spricht da?“ Wie von weit weg hallte die Stimme des Anrufers, fast als sei die Verbindung gestört. Sie klang fremd, diese Stimme.
Ach was, das konnte nicht sein. Wahrscheinlich saßen die Kinder im Auto, auf der Autobahn womöglich oder im lauten Stadtverkehr. Da klangen Stimmen schon mal verzerrt und fremd.
„Ihr seid schon auf dem Weg!“, sagte sie und lächelte. „Wie fein! Ich freue mich so sehr auf euch. Diese Überraschung ist euch gelungen, obgleich ihr wisst, dass ich an einem Tag wie diesem nichts erzwingen möchte. Das habe ich nie getan. Dass ihr trotzdem ohne Einladung den weiten Weg … Oh, entschuldigt, ich rede zu viel. Es ist die Freude, wisst ihr?“
Sie schwieg, lauschte, lächelte.
„Ich muss mich entschuldigen, gnädige Frau, dass ich Sie so früh gestört habe“, antwortete die Stimme, die in der Tat eine fremde Stimme war. „Ich fürchte, ich habe mich verwählt. Es tut mir leid und ich hoffe, Sie haben einen schönen Tag heute. Auf Wiederhören.“
„Auf … auf Wiederhören. Und ja, ich wünsche Ihnen auch … einen guten … Tag.“
Sie hielt den Hörer noch lange am Ohr. Und sie lächelte.
Die Kinder würden auch heute nicht kommen. Wie in den letzten vierzehn Jahren nicht. Sie hatten genug damit zu tun, ihr eigenes Leben zu leben. Wie konnte sie auch nur für den Hauch eines Moments glauben, dass sie den Muttertag dieses Mal mit ihr feiern wollten? Sie hatten ihn auch früher nie gemeinsam gefeiert. Als die Kinder noch klein waren, hatte sie selbst diesen Tag als Tag des Kitsches und der Geschäftemacherei abgelehnt und als unwichtig erklärt. Warum sollte das heute nach so vielen Jahren anders sein?
Lächeln. Sie musste lächeln. Nein, sie wollte es.
Sie lächelte noch, als sie später wie jeden Tag ihren Morgenspaziergang zum Bahnhof machte, dort die Tageszeitung erwarb und sich zur Lektüre im Leonhardspark auf ihre Lieblingsbank bei der großen Wiese setzte. Und als ihr, wie gestern schon, der Fremde mit der Baskenmütze von der Bank gegenüber her zuwinkte, fiel es ihr auf einmal leicht, dieses Lächeln.

© Elke Bräunling

 

1kirschblütenbergstraße

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