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Ich denke noch oft an Tante Else (Erinnerungen)

Tante Else war fast neunzig, als ich sie beim Geburtstag meines Großvaters traf. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah und wenn ich daran zurückdenke, habe ich noch immer ein Lächeln im Gesicht. Bei uns war es immer so, dass bei Geburtstagen gesungen wurde. Mein Opa setzte sich ans Klavier und dann ging es los. Alle alten Lieder wurden gesungen, Lieder, die heute schon fast in Vergessenheit geraten sind.

Mir hat immer das Lied vom Hans so gut gefallen (Und der Hans schleicht umher). Noch heute sehe ich die Mimik meines Großvaters, wenn er es sang und eben das Gesicht von Tante Else, die so herrlich schauen konnte, wie der Text es verlangte, alle Liebesschmerzen, alle Sehnsucht legte sie in ihren Blick und das war zum Heulen schön. Die kleine alte Dame mit frischen Dauerwellen im bläulich schimmernden Grauhaar war eine Persönlichkeit sondergleichen. Sie war immer freundlich und munter und sie sang so schön, mit so viel Gefühl.

An diesem letzten Abend wollte sie ihren Sohn anrufen, der sie abholen sollte. Ich bot ihr an, dass ich sie doch fahren könnte. Das nahm sie gern an. Sie kletterte also in meine Ente und wunderte sich, dass man mit so einem Ding auch fahren kann. Ich half ihr beim Anschnallen und ab ging die Reise. Entenkenner wissen, dass dieses Gefährt laut ist und dass die Heizung erst nach ungefähr zehn Kilometern in Gang kommt. Tante Else fand das nicht schlimm. Wie ein Kind in einem Karussell saß sie aufrecht und erwartungsfreudig auf dem Beifahrersitz und als es um die Kurve ging und mein Entchen sich ein wenig zur Seite neigte, kreischte sie vor Vergnügen, die Tante.

„Weißt du was“, sagte sie, „dieses Auto ist doch besser als ein Mercedes, findest du nicht auch?“

Wir lachten beide so herzlich, noch heute habe ich das im Ohr, ihr Lachen und ihren Gesang:

… und die Liese, vor der Türe, rotes Mieder, goldne Schnüre, schaut hinauf nach dem Himmel und sieht den Hans nicht an, schaut hinauf nach dem Himmel und sieht den Hans nicht an.

© Regina Meier zu Verl

Hier noch einmal der ganze Text des Liedes:

Und der Hans schleicht umher
trübe Augen, blasse Wangen
und das Herz ihm befangen
und der Kopf ihm so schwer.
Und die Liesel vor der Türe:
rotes Mieder, goldne Schnüre,
schaut hinauf nach dem Himmel
und sieht den Hans nicht an

„Liebes Liesel, komm her;
lass den Himmel, der ist trübe,
doch im Herzen die Liebe
ach die brennt gar so sehr!
Aber wenn du wieder gut bist
und du wieder deinen Hans küsst,
o dann ist auch auf einmal
der Himmel wieder hell!“

Und er bittet und fleht
und er zupft sie am Zöpfchen,
und die Liesel hat’s Köpfchen
schon halb umgedreht.
Und sie lacht und zieht’s Mäulchen
und sie ziert sich noch ein Weilchen –
und dann küsst sie den Hans
und’s ist alles wieder gut

(F. Wyona 1845)

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