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Der wandernde Bauchschmerz

Justus hat die ersten Wochen in der Schule hinter sich. Eigentlich geht er ganz gern hin, aber morgens hat er immer noch Bauchkneifen und mag nichts essen.
„Wie kommt das denn nur, Justus? Hast du vielleicht doch ein bisschen Angst? Dich bedrückt doch was!“, sagt Mama und macht ein besorgtes Gesicht.
„Nein, es ist alles in Ordnung. Es ist nur alles noch so neu“, behauptet Justus und packt sein Schulbrot ein. Er setzt den Tornister auf den Rücken und dann kann es losgehen.
Da die Schule nicht weit von zu Hause entfernt liegt, gehen Mutter und Sohn zu Fuß. Am Eingang zum Schulhof verabschieden sie sich. Ein Küsschen will Justus nicht mehr haben, das ist ihm peinlich. Also rufen sie sich nur ein „Tschüss“ zu und dann geht Mama wieder nach Hause. Nun ist das Bauchkneifen bei ihr angekommen, denn sie macht sich Sorgen, so wie Mütter das machen, wenn sie ihre Kinder loslassen müssen.
Justus gesellt sich zu seinen Freunden und schon bald ist das Bauchkneifen vergessen. Gemeinsam rennen sie in den Klassenraum, als es zum Unterricht geläutet hat. Ist das ein Gerangel und Geschiebe, bis jeder Schüler am Platz sitzt. Jeden Morgen geht das so. Heute ist es besonders schlimm und Frau Müller muss mehrfach zur Ordnung rufen. Als es endlich still geworden ist, kann die erste Stunde beginnen. Heute lernen die Kinder einen neuen Buchstaben, das „M“.
„Welche Wörter kennt ihr denn, die mit einem „M“ beginnen? Ich sage mal ein Beispiel: Mmm-usik!“ Frau Müller zieht das „M“ ganz lang, damit man es auch richtig hören kann. Justus überlegt, ihm fällt sofort „Mama“ ein, aber das will er nicht sagen. Schon gestern hat Linus Mamakind zu ihm gesagt, nur weil er etwas über seine Mama erzählt hat in der Pause. Justus überlegt weiter, dann meldet er sich.
„Mistforke!“, sagt er, als ihn die Lehrerin aufruft. Alle Kinder lachen. „Blödes Wort!“, ruft Linus und schlägt sich beim Lachen auf die Schenkel.
„Aber es ist ja richtig!“, lobt Frau Müller und wartet auf weitere Meldungen. Max entdeckt, dass sein Name mit einem M anfängt und Lisa freut sich, dass sie Frau Müller nennen kann, ohne Frau natürlich, denn nur Müller beginnt ja mit dem M.
Justus hat noch einige Ideen, aber die Freude am Mitmachen ist ihm schon wieder vergangen und da ist er auch schon wieder da, der Bauchschmerz, heftiger als am Morgen. Justus sehnt sich nach seiner Mama. Die würde ihn jetzt trösten.
„Mama!“, ruft er jämmerlich und Tränen treten in seine Augen.
„Richtig, Justus! Mama beginnt auch mit einem M und in der Mitte ist sogar auch noch eines. Das ist ein tolles Beispiel!“, lobt sie Justus, der sich wieder gefangen hat und nun froh ist, dass Frau Müller gar nicht gemerkt hat, dass das eigentlich ein Versehen war. Linus ist auch still – das ist gerade nochmal gut gegangen.
Frau Müller schreibt das M an die Tafel und da die Kinder das A schon kennen, können sie nun auch das Wort Mama schreiben, in Großbuchstaben. Justus ist sehr stolz.
Als die Schüler in die große Pause gehen dürfen, bleibt Justus noch im Klassenraum, bis alle draußen sind. Dann bittet er Frau Müller, zum Wort Mama auf seinem Zettel noch folgendes hinzuzufügen: … ist die Beste!
Das macht die Lehrerin gern und Mama freut sich so sehr, als der Justus ihr zeigt, was er heute gelernt hat. Am Nachmittag sind die Bauchschmerzen verschwunden und sicherlich werden sie nun jeden Tag etwas weniger werden. Es ist ja alles noch so neu, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl 2015

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