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Der Tönne oder „Vor Gott sind alle Menschen gleich“

Wenn du am Ortsausgang rechts in den Waldweg einbiegst und immer geradeaus gehst, dann kommst du zum Hof des alten Tönne. Du musst aber weit laufen, sicher sind es mindestens drei, vier Kilometer. Erst wenn du meinst, dass du am Ende der Welt angekommen bist, siehst du seinen kleinen Hof, der von einem wackligen Jägerzaun umgeben ist. Der Tönne lebt dort ganz allein. Nun ja, eigentlich ist er nicht allein, denn mit ihm wohnen dort viele Tiere und denen geht es da so gut, dass sie niemals auf die Idee kämen, ihr Zuhause zu verlassen.
Als ich das erste Mal dort war, vor vielen Jahren, war mir ein wenig mulmig zumute, denn uns Kindern war es verboten, den Tönne zu besuchen. Die Leute sagten, dass er ein seltsamer Geselle sei und man wüsste ja nie, was er so im Schilde führte. Gruselige Geschichten erzählte man sich. Eine davon handelte von einem Jungen, der von einem Tag auf den anderen verschwunden war. Damals hatte man den Tönne verdächtigt, dass er etwas damit zu tun hatte. Tagelang hatten die Polzisten ihn befragt und, wie die Maulwürfe, auf seinem Hof alles von unten nach oben gekehrt. Sie fanden das Kind nicht und sie konnten dem Tönne auch nichts anhängen, der immer wieder beteuerte, dass er sein Anwesen nicht verlassen hatte und auch den Jungen noch nie gesehen habe.
Selbst als der Junge längst wieder zu Hause war, er hatte sich im Gartenhäuschen der Oma versteckt, kreisten noch böse Geschichten im Ort. Statt sich bei Tönne zu entschuldigen, machte man ihm das Leben schwer, zerschlug seine Fensterscheiben, trampelte in seinen Gemüsebeeten umher und einmal hatte man sogar ein Feuer im Heuschober gelegt. So kam es, dass er sich völlig zurückzog und nur noch selten in den Ort kam, um das einzukaufen, was er auf seinem Hof nicht selbst anbauen konnte.
Trotzdem besuchte ich ihn, ich war einfach neugierig und wollte den alten Mann kennenlernen. Ich war zehn Jahre alt und gab nichts auf das Gerede der Leute. Er würde mir schon nichts antun, warum auch? Ein schönes Bild hatte ich für ihn gemalt, das ich sorgfältig verpackte, damit es keine Knicke bekam. Es zeigte unsere Kirche und den herrlichen Pfarrgarten rundum, der in den schönsten Herbstfarben erstrahlte und dessen Früchte für alle Gemeindemitglieder zur freien Verwendung standen. Der Tönne sollte etwas davon abbekommen, also packte ich auch einige Birnen, Äpfel und Pflaumen in meinen Rucksack. Hatte nicht der alte Mann auch ein Recht auf das Gemeingut? Ich fand das nur gerecht. Ja, und ich wollte ihn zum Gemeindefest einladen. Wir Kinder führten dort in jedem Jahr ein Theaterstück vor. In diesem Jahr handelte es davon, wie man sich Fremden gegenüber benimmt, dass man niemanden vor-verurteilen sollte, bevor man ihn kennengelernt hat.
„Vor Gott sind alle Menschen gleich“, sagte unsere Religionslehrerin und dieser Gedanke gefiel mit sehr. Wenn das so war, dann liebte Gott uns alle, meine Familie, die Nachbarn, die Menschen, die aus fremden Ländern zu uns gekommen waren, weil in ihren Ländern Krieg war und natürlich auch den Tönne.
Mit klopfendem Herzen kam ich also bei ihm an, nachdem ich fast eine Stunde durch das raschelnde Herbstlaub gewandert war. Der alte Mann stand auf einer Leiter und pflückte Birnen. Eine nach der anderen legte er in einen Korb, der an der Leiter hing. Ich nahm allen Mut zusammen und rief:
„Grüß Gott!“ Als sich nichts tat, versuchte ich es lauter: „Grüß Gott, Herr Tönne!“
Der Alte hatte mich nun gehört und blickte erstaunt in meine Richtung. Er kletterte vorsichtig von der Leiter und kam zu mir an den Zaun.
Er trug eine braune Cordhose, ein kariertes Flanellhemd und er hatte eine Schürze umgebunden, an der er seine Finger abwischte. Er lächelte.
„Die Birnen sind überreif und klebrig. So eine Schürze ist praktisch, darin kann ich mir die Hände abwischen und die Hose nimmt keinen Schaden!“, erklärte er mir. Dann reichte er mir die Hand.
„Grüß Gott!“, sagte er und seine Augen strahlten vor Freude. Sicher hatte er lange niemanden mehr gesehen, geschweige denn hatte ihn jemand besucht.
„Wissen deine Eltern, dass du hier bist, oder hast du dich verlaufen, junger Mann?“, fragte er mich und als ich verneinte und ihm sagte, dass ich ihn gern besuchen wollte, wurde er ein wenig nachdenklich.
„Ich würde dich gern herein bitten, aber du solltest nicht allein hierher kommen. Weißt du nichts vom Gerede der Leute?“, fragte er.
„Vor Gott sind alle Menschen gleich!“, antwortete ich. „Ich möchte Sie einladen zu unserem Gemeindefest am Sonntag. Wir spielen ein Theaterstück und ich würde mich so freuen, wenn Sie kämen!“
Der alte Tönne griff in seine Schürzentasche und holte einen Schlüssel heraus. Er schloss die Gartenpforte auf und bat mich herein. Das Tor ließ er weit aufstehen.
Dann ging er voran und bot mir einen Platz auf der Veranda vor dem Haus an. „Setz dich, Junge, ich hole uns etwas zu trinken.“
Ich packte meinen Rucksack auf einen Stuhl und setzte mich auf den anderen Stuhl. Als der Tönne zurückkam, holte ich die Früchte aus dem Rucksack und schenkte ihm mein Bild.
„Das habe ich für Sie gemalt!“, sagte ich.
„Es ist wunderschön!“, sagte der alte Mann und Tränen glitzerten in seinen Augen. „Danke, Junge!“
„Ich heiße Friedrich, aber alle sagen Fritz zu mir!“

Wir unterhielten uns eine Weile, doch dann schickte der Tönne mich nach Hause.
„Es wird bald dunkel werden und du hast einen langen Weg vor dir. Ich werde dich ein Stückchen begleiten und wenn du magst, besuch mich doch wieder. Aber frage deine Eltern um Erlaubnis, darum bitte ich dich, selbst auf die Gefahr hin, dass du dann nicht mehr kommen darfst!“
Sicher dachte er an die alten Geschichten, die über ihn erzählt wurden und ich konnte sogar verstehen, dass er ängstlich war. Deshalb versprach ich ihm, nicht mehr ohne das Okay meiner Eltern zu kommen.
„Und wie ist es mit Ihnen? Kommen Sie am nächsten Sonntag zu unserem Fest?“
„Das kann ich dir leider nicht versprechen, Fritz. Aber ich freue mich über deine Einladung. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue!“

Am Abend erzählte ich Papa von meinem Besuch beim Tönne. Der wurde zunächst ärgerlich und schimpfte mit mir.
„Mach so etwas nie wieder!“, brummte er. „Du weißt doch, dass du uns fragen musst, wenn du sowas machst!“
„Ihr hättet es doch sowieso nicht erlaubt!“, erwiderte ich kleinlaut.
„Stimmt!“, sagte Papa. Dann nahm er mich in den Arm. „Aber, auch wenn es verboten war und ich dich eigentlich bestrafen müsste, finde ich es gut, was du gemacht hast! Auf diese Idee hätte längst einer kommen sollen, schon vor Jahren!“

Am Sonntag, beim Gemeindefest, hielt ich Ausschau nach dem Tönne und fast hatte ich die Hoffnung schon aufgegeben, als kurz vor Beginn des Theaterstückes meine Eltern erschienen. Sie hatten den Tönne in die Mitte genommen und nahmen Platz in der ersten Reihe. Es war so still im Gemeindesaal, man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Als der Pfarrer aber aufstand und dem Tönne die Hand reichte, war der erste Bann gebrochen.
„Vor Gott sind alle Menschen gleich! So heißt das Theaterstück, das uns die Kinder der vierten Klasse nun vorspielen werden. Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sonntag!“ Der Pfarrer setzte sich und wir Kinder nahmen die Plätze auf der Bühne ein.
Noch nie haben wir so schön gespielt, wie an diesem Sonntag. Mein Herz klopfte vor Aufregung und Freude und vor Stolz und der liebe Gott, der wird auch stolz gewesen sein auf uns!

© Regina Meier zu Verl 2015

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