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Jetzt ist Jetzt

„Ich bin so aufgeregt“, sagte die Frau und rieb sich mit fahrigen Bewegungen die schmerzende Schläfe.
„Jetzt ist jetzt“, erwiderte der Fremde.
„Jetzt? Ist jetzt?“ Fragend sah die Frau den alten Mann an. „Was hat das damit zu tun, dass ich aufgeregt bin und nervös und seit Tagen an nichts anderes mehr denken kann als an das Treffen heute Nachmittag?“
„Jetzt ist jetzt“, sagte der Mann wieder. „Das Treffen, vor dem dir bangt, ist es jetzt oder später oder ist es vielleicht schon gewesen in einer Zeit, die wir das Früher nennen?“
„Was redest du da?“ Die Frau begriff nicht. Ein leiser Ärger schwang in ihren Worten. Außerdem schmerzte ihr Kopf, so wie er es immer weh tat, wenn sich ihre Gedanken um Sorgen, Ärgernisse, Aufregungen oder Ängste kreisten. Sie winkte ab.
„Man kann heutzutage nicht erwarten, verstanden und gar ernst genommen zu werden. Es ist zu viel verlangt. Wen kümmern die Gefühle anderer?“
„Kümmerst du dich um deine Gefühle?“, fragte der Alte.
„Wie meinst du das schon wieder?“ Die Frau war sehr erregt nun. „Ach, lass mich in Ruhe, Alter! Es hat keinen Sinn.“
„Es hat immer einen Sinn, die Gefühle zu beachten. Die eigenen ebenso wie die anderer. Hegen sollte man sie und pflegen und ihnen mehr Wichtigkeit beimessen als allem anderen in diesem Leben. Das aber tust du nicht, wenn du deine Gedanken ins Zukünftige oder Vergangene schweifen lässt und dich grämst. Oder bekümmerst. Oder erregst.“
„Du meinst, ich denke nicht an meine Gefühle?“
„Du denkst nicht richtig an dich und das, was dich bekümmert.“
„Und wie denke ich richtig?“ Die Frau war nun aufmerksam geworden. Sollte es sein, dass da tatsächlich jemand war, der sich Gedanken um die Belange anderer machte? Der sie sogar zu teilen bereit war?
„Jetzt ist jetzt“, sagte der alte Mann wieder. Er lächelte.
Und sie lächelte auch nun. Sie hatte verstanden.

© Elke Bräunling

Joliebaer im Jetzt

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