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Opas Fußballwette und der Besuch von Cousine Erna

„Ich wette“, sagt Opa, „dass du dir heute Abend mit mir das Fußballspiel ansehen wirst. Du wirst sogar Spaß daran haben.“
„Nie im Leben!“ Wie aus einer Pistole schießen Omas Worte Opa entgegen. „Ha! Ich und Fußball? Oh nein, mein Lieber! Diese Wette wirst du ausnahmsweise verlieren.“
Opa, der für sein Leben gerne wettet und für sein Leben ungern verliert, schmunzelt.
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, murmelt er und grinst. Er sieht zufrieden aus. Wie jemand, der etwas ausheckt und den Sieg schon sicher in der Tasche weiß.
Oma kennt diesen Blick. Sie wird misstrauisch. Was führt Opa im Schilde?
Sie seufzt. „Quäle mich nicht!“, sagt sie und denkt an den Besuch von Cousine Erna, den sie morgen erwartet. Diese ewig unzufriedene, nörgelnde und besserwisserische Person hatte sie schon als Kind nicht ausstehen können. Seit Monaten wünscht sich Erna ein Treffen, und Oma erfindet immer neue Ausreden, warum ihr ein Besuch gerade jetzt nicht passen würde. Als sich die lästige Cousine für morgen nun wieder ankündigte, hat Oma keine Ausrede mehr gefunden und mit einem Grummeln im Magen zugestimmt. Und seitdem gibt es nichts mehr, was Oma Freude bereiten könnte. Alles, fast alles, würde sie tun, um die ungeliebte Cousine nicht sehen zu müssen. Selbst ein Fußballspiel würde sie sich ansehen. Freiwillig sogar. Und mit Vergnügen.
„Wenn du wüsstest, wie lieb mir dein Fußballspiel wäre!“, murmelt sie nun. „Viel lieber als …“
Sie schweigt und macht sich ans Staubwischen. Erna nämlich ist allergisch gegen Staub. Einen Kuchen muss sie auch noch backen. Ohne Eier, Butter und Sahne. Erna isst keine tierischen Produkte.
Oma seufzt. Sie seufzt tief.
„Wie ich diesen Besuch mitsamt der schrecklichen Erna hasse!“
Opa nickt. Cousine Erna ist auch für ihn ein rotes Tuch.
„Du hasst Erna mehr als Fußball?“, fragt er.
„Viel mehr!“
„Und was würdest du sagen, wenn der Besuch von Cousine Erna nicht stattfände?“
„Das wäre himmlisch! Aber wie willst du das anstellen? Ich habe alles versucht, sie vom Kommen abzuhalten.“ Oma seufzt. „Aber du kennst doch Erna!“
Opa nickt. Er kennt Cousine Erna. Und deshalb hat er ihr schon gestern Nachmittag mit einer kleinen List diesen Besuch ausreden können. Es ist ganz einfach gewesen: „Wie wundervoll es doch ist, dass du uns ausgerechnet jetzt besuchen möchtest, Erna! Du wirst dich freuen: Harry ist auch da. Ganz plötzlich stand er vor der Tür. Was für eine Freude nach so vielen Jahren! Nicht wahr, Erna?“
Genau das hat Opa zu Cousine Erna gesagt. Und Erna hat genau das, was Opa sich mit dieser kleinen Schwindelei erhofft hat, geantwortet: „Harry kommt? Nur über meine Leiche! Wie könnt ihr bloß Harry, diesen treulosen Lump, in euer Haus einladen? Nein, nein. Rechnet nicht mit mir!“ Und grußlos hat Erna das Telefonat beendet.
Das ist gestern gewesen und nun stellt Oma gerade die veganen Backzutaten auf den Tisch. Mit einem sehr tiefen Seufzer.
„Ich wette“, sagt Opa da mit einem breiten Smileygrinsen im Gesicht, „dass du diesen Kuchen mit guten, echten Eiern und viel Butter und Sahne backen wirst.“
„Schon verloren“, brummt Oma. „Erna isst nämlich kei …“
„Stimmt!“ Opa lacht. „Erna wird morgen keinen Kuchen bei uns essen. Weil sie nämlich morgen nicht kommen wird. Ich habe mit ihr telefoniert.“ Er sieht Oma triumphierend an. „Na, was sagst du nun?“
Oma sagt nichts. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.
„Ich wette, du hast das heute Morgen beim Wetten schon gewusst“, murmelt sie schließlich.
Opa schmunzelt und schweigt. Er weiß, dass er jetzt besser nichts sagen sollte.
Oma aber ist so erleichtert über Opas heimliche Schwindelei, dass sie gleich fünf Eier in die Teigschüssel schlägt und tüchtig Butter dazugibt. Den Kuchen verziert sie später mit einem Schokoladenguss, in den sie einen Fußball, einen Smiley, eine Blume und ein Herz malt.
Das Fußballspiel am Abend sieht sie sich gerne an. Wettschulden sind schließlich Ehrenschulden! Ein bisschen macht ihr das Spiel sogar Spaß. Vor dem Fernseher zu sitzen und nicht mehr an den Cousinenbesuch denken zu müssen, fühlt sich an wie Schule schwänzen, nur noch besser. So gut, wie das Leben eben sein kann ohne jene Ernas dieser Welt, die in allem nur das Schlechte sehen wollen.

© Elke Bräunling

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