Schlagwörter

, , , , , , ,

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Wege im Park waren rutschig. Elsa Bergmann hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben. Immer wieder glaubte sie, gleich zu stürzen. Deshalb wählte sie nur kleine Schritte beim Mittagsspaziergang durch den Park. Zu tief saß ihr noch der Schreck, der dem Sturz mit dem Oberschenkelhalsbruch folgte, in den Gliedern. Das war im letzten Herbst gewesen. Und sie war unsicher geworden. Ausgerechnet sie, die letzten im Sommer noch mit großem Medienecho beim Stadtlauf teilgenommen und als eine der ältesten Teilnehmerinnen einen guten Platz belegt hatte. Heute aber kam es ihr vor, als hätte dieses Ereignis vor zehn Jahren oder länger stattgefunden, nicht aber erst vor einem Dreivierteljahr.
Sie seufzte.
„Nichts ist mehr los mit mir“, sagte sie. „Selbst ein Spaziergang im Park macht mir Angst. Wie Gummi fühlen sich meine Beine an und ständig habe ich das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Nie wieder werde ich richtig gehen oder gar laufen können. Sag, was ist das noch für ein Leben?“
„Ein schönes“, antwortete ihr Mann. Er legte den Arm um ihre Schulter. „Das Laufen verlernt man nicht so schnell. Die Angst davor aber, die solltest du schnell wieder verlernen.“
Elsa spürte, wie Scham sie übermannte. Ausgerechnet ihr lieber Mann, der seit der Flucht damals nur mit einem Bein durchs Leben ging, musste sie nun stützen. Ausgerechnet er musste ihr Mut zusprechen und ihr das Gehen wieder beibringen.
„Du wirst nicht müde, mir Hoffnung zu machen. Hoffnung aber kann so sehr zerbrechlich sein. Sie ist eine Schwester der Enttäuschung“, murmelte Elsa.
Peter Bergmann verstärkte den Druck seiner Arme. Er beugte sich zu ihr herüber und flüsterte ihr zu: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“
Elsa hörte diese Worte nicht zum ersten Mal. „Ach, wenn ich dich nicht hätte!“
Peter nickte. „Ja, was wenn wir uns nicht hätten!“ Er lächelte ihr zu. „Aber wir haben uns und wir werden einander immer stützen. Du mich. Ich dich. Wie es das Schicksal gerade bestimmt. Zu zweit lässt es sich leichter hoffen. Sag, ist das kein Grund zur Freude?“
Elsa lächelte nun auch. „Du bist mir immer ein Grund zur Freude“, sagte sie und steuerte mit unsicheren Schritten auf die nächste Parkbank zu. „Lass uns eine Pause machen und die Sonne genießen! Mir kommt es vor, als seien es die ersten warmen Sonnenstrahlen in diesem Jahr.“
Peter Bergmann nickte. „Einverstanden. Eine kleine Pause sei dir gegönnt. Dann aber üben wir weiter, damit du im Sommer beim Stadtlauf wieder teilnehmen kannst.“
Sanft geleitete er seine Frau zur Bank hinüber und half ihr, sich hinzusetzen.
„Schön ist es hier“, murmelte er und ließ sich neben ihr nieder. „Lass uns die Sonne genießen, meine Liebe!“
Nicht weit von den Gärten her sangen Leute ein Lied.
„Froh zu sein, bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König.“
Ja, froh fühlte auch er sich. Und alles würde wieder gut werden. Er wusste es so sehr wie er wusste, dass das Leben für sie beide noch viele schöne Augenblicke bieten würde.
Die Hoffnung starb zuletzt.

© Elke Bräunling

Und hier lest ihr die Geschichte von Oma Erdmann, die an jenem Tag das Lied, das in dieser Geschichte erwähnt wird, laut in ihrem Garten singt: Froh zu sein bedarf es wenig

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Weitere Gespräche auf der Parkbank:

Zu alt?
Herr Müller und Herr Maier
Der Hanswurst
Rücksichten
Der Fußball, die Liebe und die bunten Erinnerungen
Die blaue SchleifeDie blaue Schleife
Frau Berger lächelt
Himmel und Hölle
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Das Herz im Park

Advertisements