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Froschküsse und Hühnerjagd

Ein Mädchen saß auf dem Rand eines Brunnens und spielte. Nein, nicht mit einer goldenen Kugel. Das Märchen gibt es ja schon. Auch stand dem Mädchen in meiner Geschichte nicht der Sinn danach, einen Frosch zu küssen. Frösche fand es eklig und Prinzen, die gab es doch gar nicht.
Das Mädchen, dem man den Namen Klothilde gegeben hatte, spielte mit einem Handy. Da ist auf den ersten Blick nichts Verwerfliches dabei. Allerdings gehörte dieses Handy nicht ihr, sondern ihrem Vater. Klothilde hatte es ausgeliehen, weil man doch so wunderbare Spiele damit machen konnte. Gefragt hatte sie vorsichtshalber nicht, denn sie kannte die Antwort: „Dafür bis du noch zu klein!“
Sie war aber nicht klein. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie sich im Spiegel über dem Waschbecken sehen. Außerdem ging sie schon in die dritte Klasse. Einige ihrer Klassenkameraden hatten sogar schon ein eigenes Handy. Lena besaß ein rosafarbenes mit Glitzersteinchen drauf.    Klothilde war neidisch, auf das Handy und auf den schönen Namen Lena, denn mit ihrem eigenen Vornamen war sie kreuzunglücklich. Was hatten sich ihre Eltern nur dabei gedacht, sie so zu nennen? Diesen Namen konnte man nicht einmal abkürzen. Dabei kamen noch schrecklichere Dinge heraus. Mama rief sie auch gern einmal „Klo“, Mama fand das niedlich. Aber auch „Tilde“ war keine Lösung. Ihre Eltern hätten ihr doch wenigstens einen Zweitnamen geben können, vielleicht wäre der etwas schöner ausgefallen. Wenn es schon nicht so leicht war, mit diesem Namen zu leben, dann könnten sie ihr doch wenigstens ein Handy schenken. Das fand Klothilde gerecht.
Jetzt also saß sie auf dem Brunnenrand und hielt das Handy in der linken Hand. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand wischte sie immer wieder flink über den Bildschirm des Smartphones und schoss auf diese Weise putzige, kleine Hühner ab. Hui, das machte Spaß. Mama sagte zwar, dass diese Ballerei auf die armen Viecher schrecklich ist, doch das störte Klothilde gar nicht. Es waren ja keine echten Hühner.
Als ein leichter Wind aufkam, der Klothilde die schwarzen Locken ins Gesicht pustete, versuchte sie die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Sie war einen winzigen Moment lang unaufmerksam und, ihr könnt es euch denken, das Handy plumpste in den Brunnen. Platsch!
„Ach du liebe Güte!“, rief das Kind und sprang auf. „Was mache ich denn jetzt?“ (Das Kind rief natürlich nicht „Ach du liebe Güte“, es fluchte laut und benutzte dabei Wörter, die ich hier nicht wiedergeben kann, es ist ja schließlich eine Geschichte, oder auch ein Märchen, ganz nach Belieben. Mehr möchte ich aber nicht verraten.)
Man kann sich vorstellen, dass sie sich nun doch einen Frosch herbei wünschte, den sie notfalls auch küssen würde. Aber, wie sagt man so schön: Das Leben ist kein Wunschkonzert! Der Brunnen war recht tief und es war auch Wasser darin, also war das Handy wahrscheinlich kaputt. Es nützte also nichts, wenn sie selbst heruntersprang, um es zu holen. Andererseits fiel Klothilde ein, dass die Goldmarie und die Pechmarie ja auch in einen Brunnen gesprungen waren und dann bei Frau Holle gelandet waren. Ob sie es doch versuchen sollte? Sie könnte doch alle Aufgaben erledigen, die Frau Holle ihr stellen würde und am Ende könnte sie auf den Goldregen verzichten und um das Handy und einen anderen Namen bitten.
Der Gedanke gefiel Klothilde sehr, sie schwang ihre Beine über den Brunnenrand nach innen. Dann zögerte sie eine Weile. Hatte Papa nicht gesagt, dass der Name Klothilde „Berühmte Kämpferin“ bedeutet? Ja, genau, jetzt erinnerte sich das Kind plötzlich wieder daran. Sie war eine Kämpferin und sie würde kämpfen und nicht in den Brunnen springen. Keine Frau Holle und kein verzauberter Prinz könnte ihr helfen.
Es war aber gar nicht so einfach, die Beine wieder aus dem Brunnen herauszubekommen. Klothilde konnte sich kaum halten und plötzlich war die Angst herunterzufallen viel größer als alle anderen Gefühle, wie das schlechte Gewissen, die Scham, die Wut und der Trotz.
Gerade in dem Augenblick, als Klothilde sich schon fallen sah, legten sich zwei starke Arme um sie.
„Tilli, was machst du nur?“ Das war Papas Stimme. Vorsichtig hob der Vater das Kind vom Brunnenrand und drückte es an sich.
Was hatte er gerade gesagt? Tilli? Klothilde brach in Tränen aus, Sie schmiegte sich an ihren Papa und wollte ihm sofort erzählen, dass sein Handy im Brunnen war und alles eben. Doch ihre Worte purzelten durcheinander und da sie nebenbei schluchzte und die Nase zu laufen begann, verstand der Vater kein einziges Wort. Das einzige, was am Schluss ihres purzeligen Geständnisses klar und deutlich kam war:
„Ich bin Tilli, die berühmte Kämpferin!“
„Ja, das bist du!“, sagte Papa zärtlich und dann trug er seine Tochter ins Haus.

Von diesem Tage an wurde Klothilde nur noch Tilli genannt. Sie freundete sich mit diesem Namen an und später haben alle herzlich über die Geschichte mit dem Brunnen und dem Handy lachen können. Tilli bekam natürlich kein eigenes Handy, damals noch nicht. Klar, Papa war verärgert über den Verlust seines Handys gewesen, aber er sagte auch:
„Es lässt sich ersetzen. Es ist nur ein Handy, viel wichtiger ist die Familie und vielleicht war es ein Zeichen, dass ich lieber meine Frau und mein Töchterchen anschauen sollte, als den Bildschirm!“
So hatten alles was gelernt und Tilli hatte endlich einen Namen, der zu ihr gehörte. Der Frosch und die gute Frau Holle hätten es nicht besser machen können.

© Regina Meier zu Verl 2016

 

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