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Jeder Tag ein Fest

„Es gibt immer etwas zu feiern“, sagte der alte Mann.
Er saß auf der Bank im Park und sah den Spatzen zu, die miteinander auf dem Parkweg um ein paar Brezelkrümel stritten.
„Immer?“, fragte das Kind.
Der Alte nickte. „Immer. Jeder Tag ist ein Fest.“
Das Kind legte den Kopf schief, überlegte. „Und was für ein Fest feierst du heute?“
„Das ‚Wie-ist-es-doch-schön-den-Spatzen-beim-Streiten-zusehen-zu-können‘-Fest“, antwortete der Mann und deutete zu der fröhlichen Spatzenbande. „Sieht man das nicht?“
„Das ist kein richtiges Fest“, sagte das Kind. Es schmollte, denn es fühlte sich nicht ernst genommen. „Die Erwachsenen reden immer nur Unsinn, weil sie glauben, wir Kinder seien dumm und würden nichts verstehen.“
Der alte Mann schüttelte den Kopf. „Nein. Kinder sind nicht dumm. Sie sind viel klüger als die Großen und zudem besitzen sie eines, was die meisten Erwachsenen längst verloren oder vergessen haben.“
„Was ist das?“
„Fantasie. Kinder haben Fantasie und bunte Träume und wunderschöne Ideen.“
„Stimmt.“ Das Kind nickte. „Ich habe ganz viele Ideen. Und du?“
„Ich bin ja kein Kind“, brummte der Alte, und die Fältchen in seinen Augenwinkeln lächelten.
„Aber Ideen hast du auch“, ereiferte sich das Kind. „Das mit dem Spatzenfest ist eine, oder?“
„Ja, das ist eine Idee. Oder ein Traum. Oder auch nur eine leise Freude.“
Eine leise Freude? Das Kind nickte. Es verstand, was der Alte meinte.
„Bestimmt hast du viele Ideen und Träume und Wünsche und Fantasien, dass du dir für jeden Tag im Jahr ein anderes Fest ausdenken kannst“, überlegte es laut.
„Das könnte man so sagen.“ Der alte Mann schmunzelte.
„Erzählst du mir sie?“
„Aber gerne.“ Nun musste der Alte doch kichern. „Wenn du die Zeit und die Lust hast, jeden Tag hierher in den Park zu kommen. Für jeden Tag ein Fest.“
Das Kind lachte. „Für jeden Tag. Einverstanden, ich werde da sein.“
„Ich auch.“ Der Mann reichte dem Kind die Hand. „Abgemacht?“
„Abgemacht.“
Das Kind zögerte.
„Aber ich weiß nicht, ob ich wirklich immer kommen kann“, sagte es dann. „Zum Geburtstag nämlich möchte ich zuhause bleiben und mit meinen Eltern feiern. Auch zum Namenstag, zu Ostern, zu Weihnachten und immer, wenn es ein Fest zu feiern gibt.“
Es stutzte, dann musste es lachen. Und wie es lachte.
Und der Alte, der lachte mit.

© Elke Bräunling

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