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Das alte Wiegenlied

Das Mädchen saß am Stadtbrunnen. Schon eine Weile saß es hier, fast reglos. Den Kopf hielt es gesenkt, die Hände waren ins Wasser getaucht. Einzig die Finger bewegten sich. Mit leisem Plätschern formten sie kleine strudelnde Wellen im sonst ruhigen Brunnenwasser. Dabei sang das Kind ein Lied. Es war ein fremdes Lied und es klang sehr fein und liebevoll, ein bisschen schwermütig auch.
„Schlaf mein Kind, ich wieg dich leise. Bajuschki, baju. Singe die Kosakenweise. Bajuschki baju. Draußen rufen fremde Reiter durch die Nacht sich zu. Schlaf, mein Kind, sie reiten weiter. Bajuschki, baju…“
Die alte Frau Walscky, die, wenn es das Wetter erlaubte, jeden Nachmittag auf der Bank beim Brunnen saß und dem Plätschern lauschte, schrak aus ihren Gedanken.
„Das Lied. Es ist so schön und es erinnert mich an daheim, als unsere Großmutter es für uns Kinder zur Nacht sang“, murmelte sie. Sie hob den Kopf und sah das Mädchen an. „Bist du traurig, mein Kind?“
Das Mädchen schüttelte heftig den Kopf. „Ein bisschen“, antwortete es dann aber. „Ein bisschen nur.“
Frau Walscky nickte. „Es ist das Heimweh“, sagte sie leise. „Nicht wahr?“
Das Mädchen nickte, dann senkte es den Blick wieder aufs Wasser.
„Auch ein bisschen kann weh tun“, sagte Frau Walscky.
„Wenn ich die Augen schließe, fühlt es sich an wie daheim am großen Fluss. Das ist schön.“ Mit leiser Stimme begann das Mädchen zu erzählen. Vom Leben am Fluss in der russischen Heimat, von der Familie, der Schule, den Hunden und von der Umsiedlung mit den Eltern. Die Großeltern waren nicht mitgekommen und das Mädchen vermisste sie sehr.
Frau Walscky verstand das Kind gut. Sehr gut sogar.
„Ich habe als kleines Mädchen auch in Russland gelebt. Am Meer oben an der Grenze zu Estland“, erzählte sie. „Als der Krieg kam, mussten wir fliehen. Als Deutsche waren wir in der Heimat nicht mehr gern gesehen. Und seither habe ich Heimweh. Vor allem nachts, wenn mich die Träume immer wieder nach Hause entführen. Schön ist das Träumen, nur das Aufwachen tut oft weh. Sehr weh.“
Jetzt war es das Mädchen, das lächelte. Es griff nach Frau Walsckys Hand, drückte sie.
„Aber es ist auch gut“, tröstete es die alte Frau. „Ich mag meine Träume gut leiden. Sie bringen mich heim und das fühlt sich richtig an. Und schön. Findest du nicht auch?“
Frau Walscky nickte. Ihre Augen leuchteten, und leise sang nun sie das alte Wiegenlied aus der Heimat. Sie fühlte sich zufrieden und getröstet wie lange nicht mehr.
„Schlaf mein Kind, ich wieg dich leise. Bajuschki, baju. Singe die Kosakenweise. Bajuschki baju. Draußen rufen fremde Reiter durch die Nacht sich zu. Schlaf, mein Kind, sie reiten weiter. Bajuschki, baju…“

© Elke Bräunling

Burgfenster

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