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Schimpf doch nicht immer mit mir

salbei

„Mutter, ich habe dir doch schon hundert Mal gesagt, dass du nicht auf den Küchenstuhl steigen sollst. Das ist gefährlich!“, schimpft Karin, die gerade aus dem Garten gekommen ist.
„Hast du! Aber wer hängt dann die Kräutersträußchen auf, wenn ich es nicht mache?“, antwortet die Mutter verärgert. „Du sollst nicht immer mit mir schimpfen! Das habe ich dir auch schon hundert Mal gesagt.“
Karin seufzt. Es ist heute kein einfacher Tag. Zum Glück sind solche Tage, in denen ihre Mutter ihr Denken zu verlangsamen scheint, nur selten. Aber sie erscheinen immer öfter. Dinge vergisst sie dann auch, was sie nie zugeben würde. Der Trotz ist stärker. Kein Wunder. Auch mit ihren 86 Jahren ist ihre Mutter eine sehr dominante, resolute Person.
„Ich habe viele Kräuter eingefroren, Petersilie, Schnittlauch, Basilikum und noch so einige. Zum Trocknen hängen Bohnenkraut, Minze und Salbei auf der Terrasse. Das habe ich dir aber gestern schon erzählt.“
Karin hält ihrer Mutter die Hand hin, damit sie sicher vom Stuhl steigen kann.
„Lass mich, ich kann das allein!“, zetert diese. „Außerdem hast du die Pfefferminze vergessen. Hörst du? Wir brauchen sie im Winter. Nicht auszudenken, wir würden sie vergessen. Ha! Wie kannst du so ruhig sein?“
„Die Pfefferminze haben wir letzte Woche schon geerntet und getrocknet.“
Karin zwingt sich, ruhig durchzuatmen. Und weil ihre Mutter sie ungläubig ansieht, greift sie nach der Dose mit den getrockneten Kräutern. Sie hebt den Deckel ab und hält der Mutter die Dose hin.
„Riech mal, köstlich!“
Tief atmet Karin das herrlich Aroma ein, es hilft ihr dabei, sich zu beruhigen. Streiten nützt nichts.
Ihre Mutter aber verzieht das Gesicht zu einer Grimasse.
„Das“, sagt sie und in ihrer Stimme schwingt so etwas wie Trotz, „das meine ich nicht.“
„Aber was meinst du dann, Mama?“
Verzweifelt fast sieht Karin ihre Mutter an. Ist heute wirklich ein so schlimmer Tag? Oder ist es nur ein Missverständnis?
„Ich meine … na, du weißt doch. Es wächst nicht in unserem Garten. Draußen am Wiesenrand finden wir es immer. Hat irgendwas mit Pferden zu tun oder Pferdefüßen. Ich komm einfach nicht drauf, warte … gleich habe ich es.“
Diese Situation kennt Karin schon, sie ist aber nicht immer durch die Vergesslichkeit der Mutter entstanden. Sie selbst vergisst auch manchmal Namen, Bezeichnungen und noch schlimmer … Termine. Jetzt müssen sie aber erst einmal dieses Problem lösen.
„Wofür brauchen wir es Mutter?“ Karin versucht die Möglichkeiten einzugrenzen.
Ihre Mutter sieht sie erschrocken an. Auf einmal aber überzieht ein Strahlen ihr Gesicht.
„Oh!“, sagt sie und hüstelt. „Was bin ich wieder umständlich heute! Ich habe es verwechselt, entschuldige. Nicht die Pfefferminze meine ich. Ich weiß doch, dass wir die letzte Woche geerntet haben. Ich bin ja nicht blöd.“ Sie lacht nun. „Nein, ich meine den Hu-hu-Hu…, den Hustentee. Weißt du?“
„Huflattich!“, ruft Karin erleichtert. „Du meinst den Huflattich?“
„Genau! Wie gut, dass es dir eingefallen ist, mein Kind. Wenn ich dich nicht hätte!“
„Mich und die dicken Kartoffeln“, lacht Karin.
Ihre Mutter lacht auch. Besonders, weil die Tochter nicht gemerkt hat, dass sie das mit der Pfefferminze wirklich vergessen hat und der Huflattich nur eine Ausrede gewesen ist. Es weiß doch jedes Kind, dass man Huflattichblüten nur im Frühjahr erntet. Auch Karin ist eben vergesslich. So ist das halt … manchmal.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl im Juli 2016

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