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Wetter-Else – Die alte Wetterfrau

„Es ist warm. Viel zu warm, nein, heiß!“, sagt Wetterelse. Sie steht auf dem Marktplatz vor dem Gemüsestand und blickt die Leute bedeutungsschwer an. Die Stirn hat sie in Falten gelegt, ihre Mundwinkel zeigen missmutig nach unten. „Früher hat es eine Hitze wie diese im Oktober nicht gegeben. Ich erinnere mich genau. Früher war sowieso alles …“
„Besser!“, riefen die Umstehenden. „Ja, ja, Else, früher war alles besser. Wir wissen Bescheid.“
Man kennt es schon, das mit Else, dem Wetter und dem ‚Früher-war-alles-besser!‘
Else nickt wieder. So etwas wie ein leises Lächeln huscht über ihre Wangen. Sie ist zufrieden.
„Gut“, sagt sie. „Dann ist es ja gut.“ Sie deutet in das Himmelsblau, das heute besonders glockenblumenblau ist und den goldenen Herbsttag strahlend macht. Es ähnelt einer drohenden Geste, wie Else mit erhobenem Zeigefinger herumfuchtelt. „Ihr solltet aufpassen! Die da oben, die Sonne, tut nicht gut. Etwas Schweres liegt in der Luft.“
Die Leute lachen. „Ein Sommergewitter im Oktober? Das gibt es nicht. Hahaha!“
Es sind nur wenige, die sich nicht an dem spöttischen Gelächter beteiligen. Die nämlich, die sich einst auch über Wetterelse mit ihren seltsamen Prophezeiungen lustig gemacht haben und eines Besseren belehrt worden sind.
„Lasst Else in Ruhe!“, sagt jetzt auch Gemüsebauer Hartel, der seit Jahren jeden Mittwoch seinen Stand auf dem Markt hat. „Sie weiß, was sie sagt. Ihr solltet auf sie hören.“
Else nickt. „Sucht Schutz am Nachmittag! Schließt eure Fenster und passt auf eure Keller auf! Blitz und Donner werden aus diesem sonnigen Blautag einen traurigen Grautag machen für jene, die die Anzeichen missachten.“
„War das früher auch besser?“, fragt einer und lacht so dröhnend, dass alle wieder in das Gelächter mit einstimmen.
Else lächelt wissend. Sie wird nichts mehr sagen heute. Es ist alles gesagt. Sie wird ihre Einkäufe tätigen und langsam nach Hause gehen. Am Nachmittag wird sie ihre Wäsche von der Leine nehmen und die Kissen von der Gartenbank ins Haus holen, sie wird die Blumentöpfe mit den Geranien, Astern und den letzten Petunien sicher unterstellen und die Fenster gut schließen. Dann wird sie zuschauen, wie ein Gewittersturm mit erbarmungsloser Macht den trügerischen Sommer, der sich in den Herbst geschlichen hat, endgültig vertreiben wird.
Dass früher alles besser gewesen ist, meint sie übrigens nicht so. Mit diesem Satz bringt sie die Leute nur dazu, ihr, der alten Frau mit dem grauen Zopf, dem runzeligen Gesicht und der gebeugten Gestalt Aufmerksamkeit zu schenken für jene Dinge, die sie ihnen wirklich mitteilen möchte. Und am besten, dies hat Else in ihrem langen Leben begriffen, erreicht man Aufmerksamkeit, indem man sich der Lächerlichkeit preisgibt.
Das Lachen der Leute stört Else nicht. Sie spricht eine andere Sprache. Die Sprache der Natur mit dem Wissen aus einer etwas anderen, vergessenen Welt, die nur wenige Menschen verstehen. Menschen wie Else, die alte Apfelbäuerin.

© Elke Bräunling

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