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Der junge Herbst und die Weisheit des Alters

„Gold“, sagte er. „Ich sehe überall Gold.“
Mit einer weit ausholenden Geste deutete der junge Herbst über das Land.
„Die Welt ist golden geworden. Die Blätter, die Gräser, die Früchte, die Blüten meiner späten Blumen. Alles leuchtet golden und das ist mein Werk. Ich, der frühe Herbst, bin der Meister des Goldes. Ich bin die schönste, die beste, die wertvollste Jahreszeit. Jaaaa …“ Der frühe Herbst nickte zufrieden. „Man liebt mich nicht zuletzt meines Goldes wegen. Und all das habe ich, der junge Herbst, ganz alleine erschaffen.“
Er klang sehr zufrieden, ein bisschen überheblich fast.
„Welch große Worte du sprichst!“, meldete sich der späte Sommer zu Wort. „Die Vielfalt meines bunten Sommerkleides wirst du an Schönheit niemals übertreffen, junger Kollege. Was ist dein Gold gegen das Bunt und die helle Wärme meiner langen Tage? Es blendet und täuscht nur und es gaukelt einen Schein, der trügerisch ist und kurz. Bald wird dein goldenes Reich zerfallen und sich in Grau auflösen. Dem Grau deiner Zeit.“
„Du lügst!,“ begehrte der frühe Herbst auf. „Und du bist voller Neid. Dein heiteres Bunt hat sich mit den ziehenden Vögeln verabschiedet. Es flieht vor dir und deinen schwindenden Kräften. Alt und nutzlos bist du geworden, Sommer. Du solltest dich von der Bühne des Lebens verabschieden … und gehen.“
Der Sommer schwieg für einen Moment. Er mochte nicht streiten. Streit war nutzlos und Kräfte raubend.
„Alt werden wir alle“, erwiderte er. „Auch du, junger Kollege. Aber nutzlos? Nein, das sind wir nicht. Wir werden es auch nie sein. Nicht, so lange wir in dem, was wir erschaffen haben, weiter leben. Und vor allem nicht, so lange wir in Erinnerung bleiben.“
Er sah den jungen Herbst, der ihm voller Zweifel lauschte, ernst an.
„Und ich, Kollege, werde in dir weiter leben. In dem, was ich geschaffen habe und …“ Er nickte. „Ja, und du setzt mein Werk fort, vollendest es, legst Spuren für die, die nach dir kommen und wiederum dein Lebenswerk fortsetzen werden.“
Der junge Herbst, der sich ein Altwerden noch nicht vorstellen konnte, lachte auf.
„Ist es das, was man die Weisheit des Alters nennt?“
„Nicht des Alters.“ Der Sommer nickte. „Es ist die Weisheit des Lebens. Das Rad der Zeit dreht sich weiter. Wir sind nur Staubkörnchen, die es auf seiner Wanderung durch die Ewigkeit für eine Weile begleiten. Und nun lebe wohl, mein Freund. Mein Weg ist hier zu Ende. Gehe du den deinen und mache ihn dir schön. Und golden. Du wirst es verstehen. Eines Tages.“

© Elke Bräunling

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