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Gartenherbst in der Entebachsiedlung

Der Herbst hatte Einzug gehalten und wie in jedem Jahr beeilten sich die Bewohner der Entebachsiedlung, die letzten Früchte zu ernten und die Gärten winterfest zu machen.
„Wer sagt, im Garten sei nach der Ernte nichts mehr los, irrt. Herbstzeit ist Aufräumzeit“, sagte Opa Kleiner jedes Jahr wieder mit mahnender Miene. „Wer jetzt nicht vorsorgt, wird im nächsten Jahr wenig Gärtnerfreude haben.“
Hier pflegte er die Stimme etwas anzuheben, damit ihn alle hören konnten.
„Wer rastet, der rostet.“ Er sagte es laut.
Opa Kleiner liebte ein aufgeräumtes Leben und ein sauberer Garten gehört dazu.
Und weil er jedes Jahr im Herbst lauthals zur Gartenarbeit mahnte, räumten auch viele Entebachsiedlungsbewohner brav ihre Gärten auf.
Nur sein Nachbar, der alte Matthis, nicht. Der hielt nichts von sauberen Gärten und er sagte es auch laut. Das war auch okay. Jeder hatte seine eigene Meinung und seine Gewohnheiten. Dumm war nur, dass Opa Kleiners Garten neben Matthis’ Garten lag, nur getrennt von einem Zaun und einer Säulenobsthecke. Dumm war auch, dass sich die beiden Nachbarn nicht gut leiden konnten und dass der alte Matthis gerne genau das Gegenteil von dem tat, was Opa Kleiner sich wünschte. Und ganz besonders dumm an der Sache war, dass Opa Kleiner dies nicht begriff. Was seinen Garten betraf, verstand er nämlich keinen Spaß und ja, er wollte sich ärgern. Und der alte Matthis wollte Opa Kleiner ärgern. Das tat er schon seit der Schulzeit, und irgendwie hatten die beiden Sturköpfe es bis heute nicht gelernt, ihre Probleme auf kluge Weise zu klären.
Die Entebachsiedlungsbewohner lachten, wenn Opa Kleiner und der alte Matthis im Garten aufeinander trafen und einander ärgern. Zu komisch waren die beiden Streithähne.
So auch heute.
„Ein anständiger Garten hat sauber zu sein“, schimpfte Opa Kleiner. Er räumte alle Pflanzenreste von den Beeten und schichtete sie zu einem Haufen, den er später verbrennen würde. Das tat er immer so.
„Das Grün bleibt auf den Beeten“, wetterte Matthis. „Es gut dem Boden gut und das Gemüse wächst auch besser im nächsten Jahr.“
„Pah!“, machte Opa Kleiner. „Diesen Unsinn erzählst du jeden Herbst aufs Neue. Mein Gemüse und meine Salatköpfe sind trotzdem immer größer als deine.“
Das stimmte und das wusste auch der alte Matthis. Er wusste auch, dass es Unsinn war, was er Opa Kleiner. Aber sollte er ihm ehrlich sagen, dass er seinen Garten weniger pflegte, um den Tieren einen Platz einzuräumen, wo sie gut über den Winter kommen würden? Nein, das hätte Opa Kleiner nicht verstehen können.
„Eine Brutstätte für die Schädlinge ist’s“, würde der sagen und sich noch lauter über ihn, den schlampigen Gartennachbarn, beklagen. Das aber mochte sich der alte Matthis nicht immer wieder anhören.
„Das Leben ist zu kurz, um sich mit Blödkram zu quälen“, murmelte er und dachte sich seinen Teil. Und um sein Gesicht zu wahren, blaffte er laut:
„Ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür. Und wenn du dieses Mal wieder deine Abfälle im Garten verbrennst, rufe ich die Polizei. Damit du es nur weißt. Dieser stinkende Qualm schadet der Umwelt.“
„Unverschämtheit“, grummelte Opa Kleiner. „Und überhaupt: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.“
Die Siedlungsbewohner schmunzelten. Insgeheim aber gaben sie dem alten Matthis recht. Doch sie schwiegen. Sie sagten auch nichts, als sich der stinkende Qualm, der aus Opa Kleiners brennenden Gartenabfallhaufen kroch, über die aufgeräumten und weniger aufgeräumten Gärten der Entebachsiedlung legte. Beides gehörte zum Gartenherbst dazu.

© Elke Bräunling

1Apfelbaum

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