Schlagwörter

, , , , , , , , , , ,

Trost am Nebeltag

„Etwas Tröstendes wünschte ich mir für heute. Etwas, das die Seele wärmt. Weißt du?“ Bittend fast sah die alte Gerda ihren Bekannten, den Josef, an. Sie hatten sich wie jeden Nachmittag am Parkbrunnen getroffen, der im Nebel heute nur schwer zu erkennen war.
„Mmh, da lass mich mal überlegen!“ Josef legte seine Stirn in Falten und dachte nach. Es dauerte einen kurzen Moment, als er lächelnd sagte: „Da fällt mir etwas ein. Komm!“ Er nahm Gerda an die Hand und zog sie mit sich.
„Wohin gehen wir?“ Noch nie war Gerda in dieser Ecke des Parks gewesen. Wild sah es hier aus, urtümlich, ein bisschen unheimlich auch in dem Nebellicht. Bäume verwandelten sich in Geistergestalten, Büsche in lauernde Bären.
Gerda zitterte und hielt Josefs warme Hand ein wenig fester. Wie gut, dass er bei ihr war, allein hätte sie sich gefürchtet. Josefs Hand fühlte sich gut an. Fast wünschte sich Gerda, dass sie sich hier in diesem Nebeldschungel verirrten. Da aber steuerte Josef auf ein schmales Seitentor zu.
Es gab einen jammernden, quietschenden Laut von sich, als er es zur Seite schob. Unter ihren Füßen raschelte das Laub, ansonsten war es still, unheimlich still. Und dennoch verspürte Gerda keine Furcht mehr. Josef konnte sie vertrauen, auch wenn sie ihn erst seit diesem Sommer kannte. Aber er war ihr schon jetzt näher als ihr verstorbener Mann, mit dem sie fast fünfzig Jahre verheiratet gewesen war.
Sie traten in eine dunkle, enge Gasse, in der Gerda auch noch nie gewesen war. Die Enge, in der schwer die Nebelschwaden hingen, hatte etwas Tröstliches an sich, das Wärme und Geborgenheit ausstrahlte. War da nicht auch ein Licht?
„Josef, was ist das für ein Licht?“, fragte sie.
„Das wirst du gleich sehen, meine Liebe! Das ist Marietta und ihr berühmtes Licht.“
„Berühmt?“
Josef nickte. „Marietta liebt die Menschen und sie liebt die Bäckerei. Und am liebsten bewirtet sie Leute, die den Weg zu ihr finden. Mit dem Licht lädt sie sie ein.“ Er schmunzelt. „Irgendwie findet immer jemand hierher.“
Gerda spürte einen leichten Stich der Eifersucht. „Kommst du oft hierher?“, fragte sie leise.
„Aber ja!“, antwortete Josef arglos. „Marietta ist meine Enkelin und ich bin sehr stolz auf sie.“
Und das konnte Josef auch sein. Als sie wenig später an dem heimeligen Tisch vor einer heißen Schokolade und Zimtkuchen saß und dem Knacken der Holzscheite im Ofen lauschte, genoss Gerda den wohligen Schauer, der ihr über den Rücken lief. Sie fühlte sich geborgen wie lange nicht mehr. Dass dieser graue Tag so wundervoll enden würde, hätte sie sich in ihren besten Träumen so nicht ausgemalt. Sie lächelte. Es war diese Zeit des späten Herbstes, die manchmal die schönsten Geheimnisse preisgab. Oder war es Magie?

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

Advertisements