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Oma sucht ihren Mantel

„Wo ist eigentlich mein karierter Wollmantel hingekommen?“, fragte Oma eines Nachmittags. Es war kalt geworden und sie fror leicht. „Ich möchte einen Spaziergang machen und finde meinen Mantel nicht.“
„Mutter, den Mantel haben wir schon vor Jahren in die Kleidersammlung gegeben. Weißt du das nicht mehr?“ Birgit seufzte.
„Aber der war doch noch gut!“, schimpfte Oma. „Stimmt doch, Maria, oder?“
„Oma, ich bin nicht die Maria, ich bin Svenja, deine Enkelin.“ Svenja seufzte ebenfalls. Sie griff in den Garderobenschrank und zog Omas altrosé farbenen Steppmantel, den sie letztes Jahr mit Stolz und Freude getragen hatte, hervor.
„Nimm den doch, Oma!“, schlug sie vor. „Der sieht toll aus.“
„Rooosaaa? Ich trage doch keinen Mantel in dieser Farbe! Der sieht aus wie ein Bademantel. Was denkst du dir bloß, Luise?“
„Luise? Oma, ich kann ja so allerhand vertragen, aber mit Luise darfst du mich nicht verwechseln. Das geht gar nicht.“ Svenja hängte den Mantel wieder in den Schrank, knallte die Tür zu und rannte in ihr Zimmer.
Betroffen schaute Oma ihr nach. Was hatte sie denn nun wieder angestellt? Und wer um Himmels Willen war Luise? Überhaupt: Wo war sie eigentlich? Träumte sie dies alles gerade? Nun fasste sie diese fremde Frau, die in ihrem Kleiderschrank herumgewühlt hatte, auch noch an. An den Schultern. Oma war empört.
„Was fällt Ihnen ein?“, herrschte sie die Fremde an.
„Mutter, du bist heute wieder völlig durcheinander. Setz dich erstmal hin!“
Birgit führte ihre Mutter liebevoll zu ihrem Sessel. An manchen Tagen war es schlimmer als an anderen. Da musste man viel Geduld aufbringen, Birgit wusste das, und irgendwie schaffte sie es jedes Mal, die Mutter wieder zu beruhigen.
„Möchtest du einen Kamillentee?“
Oma blickte auf, entrüstet. „Ein starker Kaffee wäre mir lieber. Ich bin doch nicht krank.“
Sie überlegte kurz, blickte auf die Uhr. „Und dann sollten wir mit diesen Trödeleien aufhören, Birgit. Wollten wir nicht meinen Wintermantel suchen?“

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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