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Ein Engel für Pippa

Pippa war ein Engel. Jedenfalls sagten das alle zu ihr. Immer dann nämlich, wenn Pippa ihnen geholfen und einen Gefallen getan hatte. Und das geschah oft, denn Pippa konnte nicht „Nein“ sagen. Eine Bitte um Hilfe mit Nein abschlagen? Das brachte sie nicht übers Herz. Und so war Pippa eigentlich immer mit irgendetwas für irgendjemanden beschäftigt. Das war so, als Pippa in den Kindergarten ging und in die Schule. Und es war auch später so, als Pippa studierte und Lehrerin wurde und viele Jahre in der Grundschule unterrichtete. Stets war Pippa für alle da. Weniger für sich selbst.
„Pippa, du bist ein Engel! Bleib so! Du hast ein großes Herz für andere.“
Wie oft hatte Pippa diese Worte vernommen.
Pippa, der Engel mit dem großen Herzen.
Pippa, der einsame Engel.
Auch heute fühlte sich Pippa einsam. Sie hatte an diesem Sonntag die Kinder ihrer Freunde betreut, hatte mit ihnen gespielt, gelernt, gebastelt, Lieder gesungen, gekocht, gebacken und Gutenachtgeschichten erzählt. Den ganzen Tag war sie mit ihnen zusammen gewesen, während ihre Freunde mit der alten Clique, ihrer gemeinsamen Clique, eine Wanderung in die Berge machten. Eine Wanderung ohne Pippa. Von vorneherein war es selbstverständlich gewesen, dass sie bei den Kindern blieb. Wer auch sonst? Engel wem Engel gebührt.
Ein bisschen bitter lachte Pippa auf, als sie am Abend nun durch die vorweihnachtlichen Gassen des Städtchens schlenderte. Die Weinstuben und Bistros hier waren gut besucht. Beim Vorbeigehen schielte Pippa durch die Fenster. Sie war hungrig. Nach einem netten Gespräch bei einem Wein und einer Quiche oder einer Zwiebelsuppe. Hungrig nach dem Leben. Dem anderen Leben, das sie kaum kannte. Ein Leben, zu dem Engel keinen Zutritt hatten.
Sie seufzte. Dann wandte sie sich ab und bog in die Straße, die zu ihrer Wohnung führte.
Ein Licht strahlte ihr von ihrem Küchenfenster entgegen. Ein Licht, das von einem hell leuchtenden kleinen Engel aus Glas ausging, der auf dem Fensterbrett stand. Ein Engel, der ein Herz in seinen Händen hielt.
Pippa staunte. Dann hörte sie ein Geräusch und wandte sich um.
Da stand er. Der neue Nachbar. Sie hatte ihm gestern beim Einzug geholfen. Einfach so. Weil sie da war und seine Umzugshelfer nicht. „Danke, Engel!“, hatte er ihr zugerufen und sie hatte geantwortet: „Pippa. Schlicht Pippa und ohne Engel.“
„Guten Abend, Pippa ohne Engel“, sagte er nun und deutete zum Fenster. „Ein Engel erwartet Sie bereits und ein ‚Bengel’ fragt bescheiden und hungrig an, ob Sie Lust auf ein Abendessen in einer gemütlichen Weinkneipe hätten?“ Er zwinkerte ihr zu, zögerte. „Und, haben Sie … Lust?“, fragte er dann vorsichtig.
Pippa lächelte und nickte. Er wusste ja nicht, dass sie Bitten fast nie mit einem „Nein“ beschied.

© Elke Bräunling

Nebelmorgen 3

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