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Beschäftigung für Opa

In diesem Jahr werde ich aber früh genug damit beginnen, einen Adventskalender für die Enkel zu basteln“, sagte Oma am Sonntagnachmittag. Ein Blick aus dem Fenster und die herbstbunten Bäume hatte sie auf diese Idee gebracht. Die Adventszeit war gar nicht mehr so fern. 
„Dann leg am besten sofort los!“, riet ihr Opa, der sich über das Regenwetter ärgerte. Zu gern wäre er in den Garten gegangen, aber bei dem Wetter jagte man ja nicht einmal einen Hund vor die Tür. „Was schwebt dir vor? Ein Kalender für alle drei Kinder oder für jeden einen? Soll ich im Hobbyraum wieder tätig werden? Brauchst du Holzrahmen oder soll ich dieses Mal kleine Kalenderfigürchen schnitzen? Das hatten wir noch nie und die Schnitzarbeiten würden mir Spaß machen. Ach ja, ich habe eine Idee. Du schreibst für jeden Tag ein Märchen und ich schnitze die passende Figur dazu. Ich würde dann eben mal zu Heiners Holzlager fahren und …“ Opa stutzte. „Du sagst ja gar nichts.“
Oma grinste. Hatte sie doch gewusst, wie sie Opa aus seiner Herbsttraurigkeit reißen konnte. Nun leuchteten seine Augen wieder und er war voller Unternehmungslust. 
„Ja, fahr du nur zu Heiner und schau mal, was er an Holz für dich übrig hat. Dann werden wir schon gemeinsam herausfinden, was wir genau damit machen wollen. Ich denke, jedes Enkelkind sollte einen eigenen Kalender haben, meinst du nicht?“
„Oh! Oh! Das riecht nach sehr viel Arbeit.“ Opa stöhnte nun doch, aber seine rot glühenden Wangen redeten in einer anderen Sprache. „Wie sollen wir das bloß schaffen. Eigentlich ist es schon viel zu spät für diesen Plan. Bedenke: drei mal vierundzwanzig Figuren ergibt, oh, oh, das sind ja zweiundsiebzig Holzfiguren. Was für ein Stress! Was tust du mir da an?“ Noch während er redete, war er aufgesprungen und zur Tür geeilt.
„Ich beeile mich, dass ich das Holz besorge. Die Zeit rast.“
Und ehe Oma etwas entgegnen konnte, war er schon fast an der Haustür. 
„Na, den Mann habe ich glücklich gemacht!“, sagte Oma zu sich selbst. Dann stutzte sie. „Das heißt nun aber für mich, dass ich vierundzwanzig Märchen schreiben muss. Oh je! Ob ich das schaffe?“
Der kleine Mann im Ohr, der immer antwortete, wenn Oma sich selbst Fragen stellte, besänftigte sie. „Klar, schaffst du das meine Liebe! Wie alles, was du dir vornimmst.“
Und damit sie es auch wirklich schaffte, fing sie gleich mit dem Schreiben des ersten Märchens, einer Geschichte über den Engel, der das Adventslicht zu den Menschen brachte, an. Sie schrieb und kam auch gut voran. Dass sie es mit dem Rechnen aber nicht so sehr hatte, bemerkte sie erst viel später, als ihr bewusst wurde, dass nicht nur Opa zweiundsiebzig Figuren zu schnitzen hatte. Auch sie war zweiundsiebzig mal gefragt, schließlich sollte jede Figur ihr Märchen haben, oder umgekehrt jedes Märchen seine Figur. Zum Glück bemerkte sie diesen kleinen Rechenfehler aber erst eine geraume Weile später. Und Opa, der hatte viel zu lachen in diesen Herbsttagen.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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