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Als Opa ein kleiner Junge war

„Als ich ein kleiner Junge war, hat es keinen Adventskranz gegeben“, erzählte Opa. „Schon gar keine Adventskalender. Die Zeiten waren hart und wir mussten sparen.“
Uropa Wilhelm lachte auf. „Lügner!“, sagte er. „Oder erzählst du gerade meine Geschichte? Bei mir, ja, in meiner Kindheit waren die Zeiten hart. Und dennoch hatten wir immer einen Adventskranz.“
“Als ich ein kleiner Junge war …“, warf der achtjährige Philip ein und Opa und Uropa lachten schallend „… da war alles anders als heute!“, beendete Philip seinen Satz.
„Nun hör sich einer den Knirps an!“, sagte Opa.
„Was, haha, was war denn anders, kleiner alter Mann. Hoho?“, japste Uropa, der sich gar nicht mehr beruhigen konnte. 
„Alles“, sagte Philip. „Da…“ Er musste kurz überlegen, wie er sich aus dieser Nummer wieder heraus schleichen konnte. „Da gab es das mit Kränzen und Adventskalendern noch gar nicht. Ja, so war das.“
„Hört, hört, das gab es noch gar nicht. Meine Mutter hat immer einen Adventskranz gebunden, so wahr ich Wilhelm heiße!“ Uropa Wilhelm ereiferte sich nun und wollte immer mehr von den alten Zeiten erzählen, in denen alle so arm waren, dass sie heimlich im Wald Tannenzweige holten, obwohl auch das schon damals verboten war und …
Aber da griff Opa ein. Der mochte die uralten Geschichten nämlich nicht immer wieder hören und ein bisschen wütend war er auf einmal auch.
„Komm Philip, wir gehen in den Wald und holen Zweige, und dann zeige ich dir, wie man einen Kranz bindet!“, schlug er vor und traf damit den richtigen Nerv seines Enkels. Mit Opa in den Wald gehen, das war das Größte.
Verdutzt sah Uropa Wilhelm ihnen hinterher, dann ging er zu seiner Schwiegertochter in die Küche, bat um einen Tee und sagte:
„Früher war alles anders, nicht wahr? Wir hatten ja nichts …“
Oma Margret rollte mit den Augen und stellte die Ohren auf Durchzug. Die Augen auch, und so sah sie nicht, wie sich der Uropa schnell eine Handvoll frisch gebackener Weihnachtskekse, die er wegen der Galle eigentlich nicht essen dürfte, klaute und grinsend in sein Zimmer ging. Es klappte doch immer wieder, mit alten Geschichten zu kommen, wenn man nichts weiter als seine Ruhe – und ein paar verbotene Naschereien – haben wollte.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

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