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Kleines Winter-Intermezzo in kirschblütenrosa

Draußen im Garten stand Tante Margarethe und sang ein Lied. Nun war das an sich nichts Außergewöhnliches, denn in den Garten gehen und Lieder singen konnte jeder. Na ja, fast jeder. Manch einer sollte doch besser schweigen und nicht singen oder wenigstens nur summen. Tante Margarethe aber gehörte nicht dazu. Sie sang einfach toll. Ihre Stimme tönte klar und rein und sehr zärtlich durch den nebeltrüben Winternachmittag. Man konnte fast meinen, ihr Singen brachte ein bisschen mehr Licht in diesen Tag, machte ihn heller. So schön klang es.
Wir staunten sehr. Noch nie hatte die Tante, die eine sehr ruhige, fast schüchterne Frau war, laut gesungen. Eigentlich hatte ich sie noch nie singen gehört. Aber es passte zu ihr und es verlieh ihr eine Farbe, die ich an ihr noch nie gesehen hatte. Ein kirschblütenrosa. Ja, das war die Farbe, die ich plötzlich vor mir sah. Ein zartes, sehr zartes Kirschblütenrosa für einen eigentlich eher schlammblaugrauen Nachmittag. Es gefiel mir.
Ich trat ans Fenster und und winkte in den kirschblütenrosa farbenen Garten hinaus. Ich erschrak ein bisschen, als ich sie unten beim Kirschbaum ohne wärmende Jacke in einer weißen Hose, weißen Stiefeletten und einem Rollkragenpullover in hellrosé beim Kirschbaum stehen sah. Ihre langen, grauen Haare fielen offen über ihre Schultern und in den Armen hielt sie einen Strauß kahler Kirschzweige. Es stimmte alles. Sie sah aus wie der Tag: Kirschblütenrosa. Und es passte zu ihr.
Sie stand da und sang und schien die Welt um sich herum vergessen zu haben. Die Menschen. Die Welt. Den grauen Tag.
Ich wusste nicht, wie lange ich sie beobachtet und ihrem Gesang gelauscht hatte. Irgendwie hatte ich plötzlich die Zeit vergessen. Eine große Ruhe und eine tiefe Zufriedenheit hatten mich erfüllt. Gut war es, so wie es war. Gut und perfekt.
Hätte meine Mutter nicht plötzlich aufgeregt fuchtelnd von der Terrasse aus Zeichen gemacht und diesem Zauber mit einem „Willst du dich in dieser Kälte etwa erkälten, Margarethe?“ ein Ende bereitet, so hätte ich der Tante sicher bis zum Abend gelauscht.

© Elke Bräunling

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