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Opa und die Frau im Schnee

„Halt!“, ruft Opa und stoppt den Wagen am Straßenrand. „Schaut! Da steht sie wieder, die grüne Frau. Oben am Waldweg.“
Er wedelt aufgeregt mit den Armen und zeigt zu dem Weg, der parallel zur Straße am Tannenwald entlang verläuft und ins Dorf führt.
Pia und Pit folgen seinen Gesten und blicken zum Wald hinauf. Sie sehen weiß und grün. Das Weiß des Schnees, der in der Nacht gefallen ist und die hügelige Landschaft mit ihren Wiesen und Wäldchen in ein Märchenland verwandelt hat. Und das Grün der Tannen und Fichten im Wäldchen oberhalb der Straße. Den Waldweg erkennen sie nur am Zaungatter, das ihn umsäumt. Aber eine Frau steht dort nicht.
„Dort steht niemand“, sagt Pit. „Noch nie habe ich diese komische grüne Frau gesehen, von der du immer redest.“
„Doch“, widerspricht Pia. „Bei Großtante Luise hängt sie an der Wand. Über der Kommode.“
„Das ist nur ein Bild!“
„Ein schönes Bild“, schwärmt Pia und sie denkt an das Gemälde in Großtante Luises Wohnzimmer.
Eine junge Frau steht am Wegrand im Schnee vor einem Strauch und pflückt einen Zweig mit den letzten herbstroten Blättern. Sie trägt einen grünen Hut und einen grünen Mantel, ein langes, goldfarbenes Kleid und einen Pelzmuff, der ihre Hände wärmt. Auf ihrem Gesicht liegt ein Lächeln, das Freude zeigt. Bestimmt möchte sie mit den Blattzweig das Päckchen, das sie bei sich trägt, schmücken. Dies erzählt der Blick, mit dem sie sich die Blätter, die wie kleine rote Tupfer das Schneeland bemalen, ansieht.
„Sie ist eine schöne Frau,“, sagt Pia nun.
„Sage ich doch“, knurrt Opa. „Bildschön ist sie. Zum Verlieben schön.“
Er starrt zum Wäldchen hinauf und reibt sich über die Augen. „Wieso könnt ihr sie nicht sehen? Ich verstehe das nicht.“
Pia und Pit blinzeln und starren, doch die schöne Fremde, die Opa manchmal zur Winterzeit im Wald begegnet, können sie auch dieses Mal nicht sehen. Schade. Sie sind neugierig auf diese geheimnisvolle Frau, in die sich Opa schon als kleiner Junge verliebt hat.
„Du foppst uns!“, murrt Pit.
„Oder deine grüne Frau ist ein Geist“, sagt Pia, die Opa trösten will.
Der blickt nun nämlich wieder sehr betrübt drein.
„Ich hätte sie euch so gerne gezeigt“, murmelt er.
„Wir können sie uns bei Großtante Luise auf dem Bild betrachten“, sagt Pia und Pit meint:
„Und eigentlich ist deine grüne Frau ja nun eine sehr alte grüne Frau.“ Er legt die Stirn in Falten und rechnet. „Sie ist viel älter als du, Opa.“
Hm. Darüber hat Opa noch nicht nachgedacht. Er war ein kleiner Junge gewesen, als die rätselhafte Fremde damals vor ihm im Wald stand und ihm ein Lächeln schenkte, das er nie vergessen konnte. Nein, die grüne Frau ist keine alte Frau. Nicht für ihn.
„Aber ich habe sie doch gerade eben wieder gesehen und da war sie nicht a-a…“, beginnt er.
„Schau, Opa!“, unterbricht ihn Pia mit einem aufgeregten Schrei. „Da oben steht sie. Die Frau im grünen Mantel. Jetzt, ja, jetzt kann ich sie auch sehen.“
„Wirklich?“ Ein glückliches Strahlen überzieht Opas Gesicht. „Seht ihr! Ich habe euch immer gesagt, dass …“
Wieder wird er unterbrochen.
„Sie ist aber alt“, stellt Pit fest. „Und sie sieht aus wie eine Frau aus dem Dorf, die mit Walkingstöcken einen Spaziergang macht …
„… und sie sieht aus wie Großtante Luise“, ergänzt Pia, die die Spaziergängerin am Waldrand erkannt hat. „Huhu! Tante Luise! Wir kommen dich gleich besuchen.“
Und die grüne Frau, die ‚nur‘ die Großtante ist, lacht zurück.
„Ich bin’s bloß!“, ruft sie Opa zu. „Ich hoffe, du bist nicht enttäuscht.“
Da müssen Pia und Pit lachen. Und wie sie lachen! Zu komisch sieht es aus, das Gesicht von Opa.
„E-e-entäuscht?“, stammelt er. „W-w-warum auch?“
Und laut ruft er der Großtante zu. „Wir freuen uns immer, dich zu sehen, liebe Cousine. Und nun mach zu, dass du nach Hause kommst. Wir bringen großen Hunger mit.“
„Fein!“, freut sich die Großtante und sie lacht so fröhlich und ausgelassen, dass sie gar nicht mehr wie eine Frau, die Opas Cousine und fast zwanzig Jahre älter ist, aussieht. „Ich beeile mich. Es gibt Zimtwaffeln und Apfelpfannkuchen.“
„Juchhu!“ Pia und Pit jubeln. Vergessen ist Opas geheimnisvolle grüne Frau … für heute.

© Elke Bräunling

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Diese Geschichte findest du in dem neuen Buch: Omas Wintergeschichten


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