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Wintertanz

Gestern war das Wetter noch schön gewesen, sonnig und mild. Viel zu mild für diesen Wintertag. Über Nacht aber hatte der Wind gedreht und dem ersten Sturm in diesem Winter Platz gemacht. Und der arbeitete mit Macht. Im Nu hatte er das Land verändert. Der sanfte Frühwinter war wild, grau und sehr stürmisch geworden. Und so sollte er, glaubte man den Wetterpropheten, auch bleiben.
Dieser Wechsel war zu rasch erfolgt. Die Bewohner des Paulusstiftes litten sehr unter dieser Veränderung. Sie ging aufs Gemüt und legte sich auf die Seele, läutete sie doch nun endgültig die kalte unwirtliche Winterzeit ein. Vor dieser dunklen, kalten und oft auch nassen Zeit graute vielen. Manch einem Bewohner schmerzte das Herz, die Glieder fühlten sich steifer an als sonst und in den Nasen juckte es. Es juckte nach Erkältung und schlechter Laune. Ach herrje! Hätte der Winter nicht einfach weiter so mild verlaufen können? Ein leises Stöhnen steckte so manch einem heute in der Kehle.
Nur die alte Regula war glücklich. Sonst zurückhaltend und auch empfindlich stand sie, nur mit einem bunten Pullover, Mütze und Ringelschal angetan, mit ausgebreiteten Armen auf der Parkwiese und jubelte. Einzelne Haarsträhnen hatten sich aus ihrer grauen Steckfrisur gelöst und umspielten ihr Gesicht. Ihre harten und verschlossenen Gesichtszüge waren einem heiteren, fast kindlich wirkenden Lachen gewichen. Schön sah sie aus. Eine wunderschöne Frau, die sich gegen den Sturm stemmte und mit den wirbelnden Blättern tanzte.
„Schön sieht sie aus! Mein Gott, wie schön diese Frau ist!“, murmelte Peter Wagner. „Wie hatte ich das bisher übersehen können?“
Auch einige andere Herren, die mit ihm am Fenster standen, staunten.
„Unsere Regula!“, sagte einer. „Sieh einer an!“
„Stille Wasser sind tief“, meinte ein anderer. „Diese Frau hat ja richtig Feuer unter dem Hintern.“
„Man könnte sich glatt in sie verlieben“, staunte ein Dritter und vor lauter Staunen vergaß er, den Mund wieder zuzumachen.
„Männer!“, schimpfte Elsa Becker, die hinter ihre Mitbewohner getreten war. „Wenn ihr aus eurer Blindheit erwacht, scheint euch nichts mehr halten zu können.“ Sie lachte dabei.
Auch die Herren lachten.
Es wurde wärmer im Raum. Der Schock über den jähen Kaltlufteinbruch war vergessen. Wärme nämlich kam von woanders her.
Die alte Regula tanzte noch ein Weilchen mit dem Sturm. Es war, als unterhielten sich die beiden. Danach war es wie immer. Sie schwieg und hielt sich zurückhaltend – oder schüchtern ? – zurück. Nur die Blicke von Peter Wagner, die er Regula angedeihen ließ, hatten sich verändert. Und das Wetter natürlich. Der strenge Winter ergriff nun nämlich von Tag zu Tag mehr Besitz vom Land und von den Seelen seiner Bewohner.

© Elke Bräunling

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