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Manches kann man nicht vergessen

„Viel Zeit hatte mein Vater nie für mich gehabt.“
Oma Lia lehnte sich im Sessel zurück, die Augen hatte sie geschlossen. Sie schwieg für einen Moment, dann fuhr sie fort:
„Nein, eigentlich hatte er überhaupt nie viel Zeit für die Familie. Nicht einmal Zeit für sich selbst hatte er.“
„Armer Uropa Frieder!“, sagte Lena, die den Worten ihrer Großmutter begierig lauschte. Sie liebte Omas Von-früher-Geschichten. „Es ist doch blöd, wenn man nie Zeit hat.“ Sie zögerte. „Was hat Uropa Frieder denn gemacht in der Zeit, in der er keine Zeit gehabt hatte?“
„Gearbeitet!“, antwortete Oma Lia. „Mein Vater hat immer gearbeitet. Und wenn einmal endgültig Feierabend war, traf er irgendwo irgendwelche Leute, die für ihn irgendwie und irgendwann einmal nützlich sein könnten. Nützlich für die Arbeit.“
„Und?“, fragte Lena. „Sind diese Leute irgendwann irgendwie dann auch einmal nützlich für Uropa Frieder gewesen?“
„Ach Kind!“ Ganz traurig blickte Oma Lia Lena nun an. „Das weiß der Himmel. Ich glaube, mit etwas weniger Arbeit und etwas mehr Zeit hätten wir genau so gut gelebt. Nein, besser. Ein Vater mit Zeit ist besser als alles Geld der Welt. Uropa Frieder aber hat das nie begriffen. Ich glaube, er hat es auch nie begreifen können. Er hat sich wohl gefühlt in dieser mühsamen Welt, die er sich zurechtgebastelt hatte. Diese Arbeit immerfort, ich glaube, er hat sie gebraucht, um überleben zu können.“
„Wegen des Geldes, das er dabei verdient hat?“, fragte Lena.
Oma Lia schüttelte den Kopf. „Nein, wegen des Vergessens, das ihm die Arbeit geschenkt hatte.“
„Wegen des Vergessens?“ Erstaunt blickte Lena ihre Großmutter an. „Was kann man vergessen, wenn man fast nur noch arbeitet. Das Leben?“
Oma Lia schüttelte den Kopf. „Das auch. Vor allem aber die Erinnerungen. Ich glaube, die wollte dein Urgroßvater vergessen. Heute sagt man ‚verdrängen‘ dazu. Solange er im Stress war, musste er nicht daran denken, was er alles in diesem unseligen Krieg hatte erleben und mitansehen müssen. Das wollte er vergessen und nichts sollte ihn mehr daran erinnern. Die Arbeit hatte ihn betäubt.“
Oma Lia schwieg. Sie sah traurig aus. Lena wagte kaum die Frage, die ihr auf der Zunge lang, zu stellen.
„Was wollte Uropa vergessen“, fragte sie schließlich dann doch.
„Den Krieg“, sagte Oma Lia nur.
Da schwieg auch Lena.
Den Krieg stellte sie sich als etwas sehr Schreckliches und Gemeines und Schmerzendes vor, und dabei war es egal, ob sie an den Krieg aus Uropas Zeit dachte oder an die Kriege, von denen sie täglich im Fernseher, im Radio und in der Schule hörte. Gemein waren sie alle und sie dauerten so lange. Auch dann noch, wenn sie längst vorbei waren. So wie bei Uropa Frieder, bei dem der Krieg niemals ein Ende gefunden hatte.

© Elke Bräunling

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