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Geburtstagskuchen mit Erinnerungen
Der Kuchen, der allen schmeckt, auch wenn Omas Kuchen sonst nicht der Knaller sind

„Ich habe einen Kuchen gebacken. Einen Geburtstagskuchen“, sagte Oma.
„Fein. Wer hat denn Geburtstag?“, erkundigte sich Opa.
Oma lächelte. „Das weiß ich noch nicht. Eigentlich keiner“, sagte sie. „Man muss nicht immer Geburtstag haben, um einen Geburtstagskuchen essen zu können.“
„Nein. Muss man nicht.“ Opa grinste. „Deinen Kuchen esse ich immer, egal, wie du ihn nennst.“
„Schmeichler!“, sagte Oma, die eine supertolle Köchin war, mit dem Backen aber auf Kriegsfuß stand und noch nie einen Kuchen, der auch wie ein Kuchen aussah, gebacken hatte. „Ich sehe dir an der Nase an, dass dir jetzt schon graut.“
„Ich esse deinen Kuchen gerne, Oma!“, sagte meine kleine Schwester Greta. „Weil ich dich lieb habe. Du auch, Anton?“
„Ich?“, fragte ich und bemühte mich, cool zu bleiben und nicht die Nase zu rümpfen oder mir sonst irgendwie anmerken zu lassen, dass ich bei Omas Backkünsten am liebsten gleich die Flucht antreten würde.
„Ist doch klar, dass ich Oma lieb habe!“, redete ich mich heraus und sah auf meine Schuhe. „Wie kannst du so etwas fragen?“
„Okay!“ Greta war zufrieden, aber doch noch nicht so ganz. „Und Omas Kuchen hast du auch lieb?“
Man sollte ja nicht lügen. „Aber klar“, brummelte ich. Liebhaben war ja etwas anderes. Man konnte auch einen Kuchen lieb haben, den man auf gar keinen Fall essen wollte. Ich hatte also nicht gelogen. Oder doch?
Ich blickte auf. Opa grinste und Oma sah mich erwartungsvoll an.
„Fein!“, sagte Oma. „Das wäre geklärt. Dieser Kuchen ist nämlich ein ganz besonderer nach einem wichtigen Rezept gebacken. Ich habe es beim Aufräumen wieder gefunden, und das ist ein Glück für uns.“
„Wichtig?“
„Was für ein Glück?“
Wir horchten auf. Klang Omas Stimme nicht ein bisschen dramatisch?
„Was ist ein wichtiges Rezept?“, krähte Greta.
„Ja“, sagte Opa. „Das würde mich auch interessieren.“
Wir waren alle neugierig nun und wie gebannt hingen wir an Omas Lippen, als sie uns die Geschichte dieses Kuchens, nein, halt, die Geschichte des Kuchenrezeptes, erzählte. Sie handelte vom Krieg und dem letzten Geburtstag, den Omas Familie in der alten Heimat feierte. Es war der Geburtstag der Oma meiner Oma und ein paar Tage später mussten alle durch Schnee und Eis in den Westen flüchten.
„Es war der letzte Geburtstag, an dem die ganze Familie beisammen war“, erzählte Oma. „Viele starben später auf der Flucht und in den letzten Kriegstagen. Auch mein Großvater und Omas Schwestern. Nur meine Großmutter und meine Mutter überlebten. Das Kuchenrezept war eines der wenigen Dinge, die die Flucht überdauert hatten. Durch ein Zufall war es zwischen die Familienpapiere geraten und die hatte meine Großmutter in einem Rucksack bei sich getragen. Später dann haben wir zu Andenken an die Familie und die verlorene Heimat im Januar diesen Geburtstag mit diesem Geburtstagskuchen gefeiert. Es waren keine fröhlichen Feiern und dann doch auch, denn wir feierten auch, dass wir überlebt hatten.“
Oma schwieg. Sie nahm die geschmolzene Schokolade vom Herd und patschte sie mit einem lieblosen Klatsch auf den Kuchen. Der sah danach noch weniger einladender aus, aber wir hatten ihn später alle gegessen. Gerne sogar. Denn klar, er war leichter zu überleben als ein Krieg und eine Flucht.

© Elke Bräunling

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