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Das Familienerbstück
Sie kommt immer wieder, die grässlich hässliche Dose, die ein Familienerbstück ist

Einmal hatte Uroma Marie von ihrer Patentante zum Geburtstag ein kostbares Erbstück als Geschenk bekommen: eine kleine Porzellandose, in der man Schmuckstücke aufbewahren konnte. Sie war hellgrün und mit gelben und rosafarbenen Blümchen bemalt. Auf dem Deckel saß ein Engelchen mit goldenen Flügelchen und einem Blumenkranz im Haar.
‚Was für eine hässliche Dose‘, hatte Uroma Marie insgeheim gedacht und laut „Wie zauberhaft!“ ausgerufen. Sie wollte ihre Patin nicht kränken.
Die Dose hatte sie auf ihre Schlafzimmerkommode hinter den großen Spiegel gestellt und darin Haarspangen, Gummiringe, Schmerztabletten, Briefmarken und anderen Krimskrams aufbewahrt. Das Geschenk einer Patin hielt man schließlich in Ehren, egal, ob man es leiden mag oder nicht. Als einmal ein Flügelchen abbrach, klebte sie es sorgfältig wieder an und stellte die Dose an einen sicheren Platz in der Glasvitrine, wo sie noch mehr Familienerbstücke aufbewahrte.
Weil sich diese Vitrine im Lauf der Jahre aber immer mehr füllte, machte Uroma Marie immer ab und zu eines dieser Stücke zu einem Geschenk für liebe Verwandte, damit die Erbstücke auch weiterhin Erbstücke blieben. Eines Tages war auch die hellgrüne Dose mit dem Engelchen an der Reihe. Sie schenkte sie ihrer Nichte Beate zur Taufe ihres ersten Kindes. Für die Milchzähne.
Beate, deren Name die Glückliche bedeutet, war alles andere als glücklich über dieses Geschenk.
„Es ist grässlich hässlich“, murmelte sie und schenkte es bei nächster Gelegenheit ihrer Cousine Helga, die es sehr schnell ebenfalls an das nächste Familienmitglied weiter gab.
So wanderte die kleine hässliche Dose als Geschenk in der Familie umher, bis sie irgendwann in einer Kiste mit anderen wenig willkommenen Gaben im Sperrmüll lag. Ein Trödler entdeckte sie dort und nahm sie mit auf seine Flohmarkttouren.
Viele Flohmärkte lernte die kleine Dose nun kennen. Keiner wollte sie kaufen. Der Trödler aber hatte sie irgendwie lieb gewonnen. Und so tat es ihm in der Seele weh, als sich eines Tages doch ein Käufer fand. Opa! Der war auf dem Flohmarkt unterwegs auf der Suche nach einem Geschenk zu Uroma Maries 88sten Geburtstag und irgendwie erinnerte ihn die Dose an seine Kindheit. So eine ähnliche war ihm als Kind nämlich versehentlich zu Boden gefallen. Ein Flügel war abgebrochen, daran erinnerte sich Opa ganz genau, und seine Mutter hatte ihn wieder angeklebt. Und hatte der Engel auf dieser Dose nicht auch eine Klebestelle?
„Wie apart! Bestimmt wird Mutter sich auch erinnern“, sagte Opa und kaufte die Dose. „Es wird sie freuen.“
Und so war es auch. Wenn man einmal alt ist, sind Erinnerungen nämlich die kostbarsten Geschenke.
„Oh, die grässlich hässliche Dose ist wieder nach Hause gekommen. Wie zauberhaft!“, rief Uroma Marie und ihre Stimme zitterte ein wenig vor Rührung. Und dieses Mal meinte sie es auch so.

© Elke Bräunling

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