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Froh zu sein bedarf es wenig

Nach vielen Schnee- und Regenwochen war Oma Erdmann in diesem Frühjahr zum ersten Mal wieder in ihrem Garten unterwegs. Vorsichtig stapfte sie in ihren rot-weiß-gepunkteten Gummistiefeln über den matschigen Boden zur Wiese hinüber. Nass war es auch hier. Ihre Füße sanken tief ein in das wintergraue Gras und jeder Schritt hinterließ jenes schmatzende Geräusch, das sie an ihre Kindheit erinnerte. Was für einen Spaß hatte es damals gemacht, über regennasse Wiesen zu stampfen und Fußspuren ins Gras zu malen!
„Es macht auch heute noch Spaß“, sagte Oma Erdmann nun und ein bisschen wunderte sie sich. Aber wirklich nur ein bisschen. Dann stampfte sie noch etwas fester auf und lauschte dem Schmatzen ihrer Schritte, das nun auch etwas lauter wurde.
Und weil ihr diese Erinnerung, die die Zeiten überlebt hatte und heute noch genau so lebendig war wie damals, so viel Freude bereitete, sang sie beseelt ein Liedchen vor sich hin:
„Froh zu sein, bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König.“
Ja, sie war sehr gut gelaunt heute. Warum auch nicht? Der Frühling hielt Einzug, die Wolken hatten sich endlich verabschiedet und die ersten Sonnenstrahlen wärmten schon ein bisschen.
„Es gibt wirklich keinen Grund, nicht froh zu sein“, murmelte sie und sang weiter.
Singen machte Freude. Und lautes Singen noch mehr. Warum auch nicht? An einem Nachmittag mitten in der Woche war niemand sonst in den Gärten unterwegs und so konnte man sich ungestört fühlen – und auch niemanden belästigen.
„Und wenn doch“, murmelte Oma Erdmann. „So ist es mir gerade auch egal. Wer ein Gutelauneliedchen nicht verträgt, verdient auch meine Freude nicht.“
Singend stapfte sie weiter durch den Garten. Einen kleinen Frühlingsboten hätte sie gerne gefunden. Ein Schneeglöckchen, eine Krokusblüte, ein Marienkäfer oder die erste Biene?
Während sie noch suchend über den schweren Boden tappte, war ihr, als hörte sie neben dem Geräusch ihrer Schritte auf nasser Erde eine Stimme, die ihr Lied sang. Es war eine männliche Stimme.
„Froh zu sein, bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König.“
Oma Erdmann lauschte der fremden Stimme. Sie kam aus dem verwilderten Garten, der sich an die Rückseite ihres Gemüsegartens anschloss. Das Haus, das zu dem Garten gehörte, war lange leer gestanden und sollte verkauft werden. Ob es schon einen neuen Eigentümer gefunden hatte? Womöglich ein Gartenfreund, der gerne Lieder sang?
Oma Erdmann lächelte. Dann stapfte sie weiter über die aufgeweichten Böden zum hinteren Gartenzaun. Ein helles Gelb leuchtete ihr entgegen. Krokusse. Die ersten Frühlingsboten. Ein Zeichen?
Oma Erdmann sang ihr Liedchen noch einmal, und ihr Herz klopfte ein wenig schneller, als die Töne auch dieses Mal wieder vom Nachbargarten zu ihr zurück hallten. In der zweiten Stimme nun.
Wie wundervoll er doch begann, dieser neue Frühling.

© Elke Bräunling

Nicht immer war Oma Erdmann zum Singen zumute. Vor zwei Jahre hatte sie der beginnende Frühling sogar sehr traurig gemacht, bis ein kleines Wunder geschah: Frühlingslächeln für Oma Erdmann

Und ihr Liedchen steckt an. Auch die glücklose Nachbarin beim Frühjahrsputz (Frühjahrsputz und ein Liedgewinnt wieder Hoffnung ebenso wie Else Bergmann, die nach einer Verletzung das Gehen neu lernen muss (Die Hoffnung stirbt zuletzt)

Krokusse gelb

Diese Geschichte findest du in dem  NEUEN Buch: Omas Geschichten durchs Jahr

Taschenbuch:Omas Geschichten durchs Jahr: Frühling, Sommer, Herbst und Winter – Geschichten für Kinder  Ebook: Omas Geschichten durchs Jahr: Frühling, Sommer, Herbst und Winter- Jahreszeitengeschichten für Kinder Information

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