Schlagwörter

, , , , , , ,

Tulpen aus Amsterdam

„Wenn der Frühling kommt , dann schenk ich dir Tulpen aus Amsterdam. Wenn der Frühling kommt, dann pflück ich dir Tulpen aus … Laalalaaa. La la laalala la laaa la laaa, lala lala, la laaaaaaa …“ *
Tulpen aus Amsterdam. Irgendjemand im Park sang dieses Lied. Es waren nur die ersten Zeilen, dann brach der Gesang ab. Die Worte schienen zu fehlen und es herrschte ein Moment der Stille. Dann ging es von vorne los. Ein Gesang, der immer wieder seine Worte verlor, in ein trotzig klägliches Lalala überging und dann abbrach.
„Man könnte meinen, der Sänger will das Lied nicht weiter singen“, sagte Leonie Waltmann, die sich auf der anderen Seite der Tulpenwiese auf eine Parkbank für ein halbes Stündchen zum Sonnen gesetzt hatte. „Hören Sie nur, wie traurig es klingt, dieses ‚Lalalaaa‘.“
„Das geht schon eine Weile so“, sagte ihre Banknachbarin. Sie verzog ihr Gesicht. „Und er hat das Lied kein einziges Mal zu Ende gebracht. Ach was, eigentlich kommt er über das ‚Lalala‘ nicht hinaus.“
„Seltsam.“ Leonie sah zu dem Mann hinüber. Er stand am Rand der Wiese dort, wo die Tulpen besonders üppig blühten, und starrte vor sich hin. Ein älterer, hagerer Mann mit grauen Locken, Brille, Lederjacke und Bluejeans. Er gefiel ihr. Und eine gute Singstimme hatte er auch. Leonie mochte Männer mit sonoren Stimmen.
„Er sieht traurig aus und einsam, finden Sie nicht?“
„Er sieht vor allem gut aus. … Vielleicht sollte man ihn trösten.“
„Ja, vielleicht sollte man das tun.“
Leonie zögerte. Dann gab sie sich einen Ruck und ging zu ihm hinüber. Über die Wiese mitten durch die Tulpenpracht.
„Hallo, Tulpenfrau!“ Er sah ihr entgegen, so als hätte er sie erwartet. Er lächelte. „Entschuldigen Sie. Ich hoffe, mein Gesang hat Sie nicht gestört?“
„Nein. Ich finde ihn bezaubernd. Nur vielleicht etwas … unvollständig?“
Er nickte. „Ja. Ich komme über den Anfang nicht hinweg.“
„Das soll vorkommen.“ Sie schmunzelte. „Und wo liegt das Problem? Darf ich Ihnen mit dem Text weiterhelfen?“
Und ehe der Mann Antworten konnte, fing sie an zu singen. Den ganzen ersten Vers. Dann aber stockte auch sie nach dem „…Was mein Mund nicht sagen kann, sagen Tulpen aus Amsterdam. … Lalala Lalala….“ * Sie stoppte. „Ab hier kenne ich den Text auch nicht mehr. Aber bestimmt findet sich jemand, der helfen kann. Ich …“
„Halt! Warten Sie! Ich kenne den Text“, sagte er schnell. „Es ist nur … Ab hier hat meine Frau weiter gesungen. Wir haben uns bei den Verszeilen abgewechselt. Es war so etwas wie Tradition. Ein Ritual zwischen uns.“
„Und ihre Frau“, fragte Leonie vorsichtig. „Sie ist … ist sie … tot?“
Er sah sie an. „Tot? Wie meinen Sie das?“ Er überlegte, wischte sich über die Augen. „Nein, nein, sie ist bestimmt noch am Leben. Aber natürlich kann es jeden von uns treffen, nicht wahr?“
Nun war es Leonie, die nicht verstand. Sie räusperte sich. „Nun, ich meine, Sie …“ Sie winkte ab. „Ach, was frage ich? Sie sind wohl wirklich ein bisschen verrückt. Vergessen Sie’s!“
Sie wandte sich ab, ging dem Parkausgang zu.
„Halt! Warten Sie!“ Er überholte sie, blieb stehen und baute sich vor ihr auf.
„Bitte, gehen Sie nicht. Und nein, ich bin nicht mehr verrückt als jeder andere hier im Park. Es ist nur so: Tulpen beschwören in mir nostalgische Gefühle, sie machen mich melancholisch und lassen mich nochmals in alte Zeiten eintauchen. Es ist jedes Jahr dasselbe, wenn die Tulpen blühen. Sie locken mich zurück in eine Zeit, in der ich in Amsterdam lebte. Mit ihr.“
„Ihre Frau?“
„Meine damaligen Frau. Wir sind geschieden. Seit fast vierzig Jahren nun. Und wir haben uns schon lange aus den Augen verloren. Aber das ist eine lange Geschichte. Darf ich sie Ihnen bei einer Tasse Kaffee erzählen?“

© Elke Bräunling

* Der zitierte Liedtext „Tulpen aus Amsterdam“ wurde geschrieben von © Klaus Günter Neumann/Ernst Bader, die Melodie des Liedes hat © Ralf Arnie komponiert

tulpen 2 mit spiegelung

Advertisements