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Der Frühling hat sich eingestellt

„Hörst du das Lied?“
„Welches Lied?“
„Dieses alte Volkslied dort drüben. Ich kenne es aus der Schule. Psst! Nun bleib doch mal stehen und lausche!“
Anna Schmitt deutete nach rechts über die Parkwiese hinüber zum Pavillon.
„Was für eine liebliche Stimme!“, schwärmte sie. „Es ist, als würde ein Engel singen. Du hörst es nun auch, oder?“
Ihre Freundin Klara Mai schüttelte den Kopf.
„Nein. Da ist nichts“, antwortete sie. „Du bildest dir das bestimmt nur ein. Es wäre ja nicht das erste Mal.“
„Es ist ein Frühlingslied“, beharrte Anna. „Ich höre es genau und ich sage dir, es klingt wunderhübsch. Du kennst es auch. Warte!“ Und mit zitternder Stimme begann sie zu singen:
‚Der Frühling hat sich eingestellt. Wohlan, wer will ihn sehn? Der muss mit mir ins freie Feld, ins grüne Feld nun gehn.‘ … Hörst du es nun?“
„Ich höre nichts und du singst falsch. Und nun lass uns endlich weiter gehen. Wie sind spät dran. Längst sollten wir im Parkcafé sein.“
Klara dachte an ihren geliebten Rüdesheimer Kaffee und die Mokkacremetorte, auf die sie sich schon den ganzen Tag freute. Sie wollte nicht länger warten, schon gar nicht wegen eines Liedes, das irgendwer hier irgendwo sang. Wenn überhaupt.
„Kaffee und Kuchen laufen uns nicht weg. Aber ein Frühlingslied hört man hier nicht alle Tage. Und nun komm!“
Anna packte die Freundin und versuchte, sie mit sich über die Parkwiese zu ziehen, dem imaginären Gesang hinterher.
„Sing mit! Es macht Freude: „Er hielt im Walde sich versteckt, dass niemand ihn mehr sah; ein Vöglein hat ihn aufgeweckt, jetzt ist er wieder da.“
„So ein Unsinn und das am helllichten Tage!“
Klara war empört. Sie wollte jetzt nicht singen und nach irgendwelchen Klängen, die sie nicht zu hören vermochte, Ausschau halten. Schon gar nicht mochte sie es Anna, dieser verrückten Person, gleichtun und singend durch den Park wandern. Was, wenn man sie so sähe? Nein, das kam nicht in Frage. Was würden die Leute denken?
Sie riss sich von der Freundin los und stapfte mit ärgerlichen Schritten auf den Parkweg zurück.
„Nun komm! Sei vernünftig!“, rief sie Anna zu.
Die aber strebte weiter dem Gebüsch jenseits der Wiese zu. Sie schien wie verhext zu sein. Oder wollte sie nicht hören?
„Jetzt ist der Frühling wieder da, ihm folgt, wohin er zieht, nur lauter Freude fern und nah und lauter Spiel und Lied.“
Laut hallte das Lied zu Klara herüber. Laut und fröhlich.
Fröhlich? Ob sich Anna einen Spaß mit ihr machte? Es schien ihr zu gefallen, sich – und sie – hier vor Gott und der Welt zu blamieren. Typisch Anna!
„Aber nicht mit mir.“ Klara hatte genug. „Dieses Mal soll sie sich nicht auf meine Kosten amüsieren“, murmelte sie. „Ich gehe jetzt. Der Kaffee wartet. Und die Torte. Wenn Anna zu spät kommt, so ist es ihr Problem.“
Und mit weit ausholenden Schritten marschierte sie davon. Fast sah es aus wie eine Flucht.
Fröhlich hallte Annas Gesang ihr hinterher.
‚Und allen hat er, Groß und Klein, was Schönes mitgebracht, und sollt’s auch nur ein Sträußchen sein, er hat an uns gedacht.’
Doch was war das? Träumte sie?
Klara erstarrte. War da auf einmal eine Männerstimme?
„Drum frisch hinaus ins freie Feld, ins grüne Feld hinaus! Der Frühling hat sich eingestellt; wer bliebe da zu Haus?“
Ja, sie konnte sie hören. Laut und deutlich. Ein angenehmer Herrenbass sang Annas eingebildetes Lied zu Ende. Wie wohltönend er klang, der Bass! Was für ein schönes Lied! Und was für ein Glück für Anna!
Und nun sangen die beiden das Lied auch noch zu zweit. Alle Strophen noch einmal.
Der Frühling hat sich eingestellt. Wohlan, wer will ihn sehn? Der muss mit mir ins freie Feld, ins grüne Feld nun gehn…“
Es klang wunderschön, dieses Frühlingsduett im Park.
„Wenn er nur auch endlich kommen wollte, der Frühling“, murrte Klara. Sie schluckte. Eine Welle ärgerlichen Neides durchflutete sie. Anna! Immer Anna hatte Glück mit ihren Eskapaden.
Dann schnupperte sie. Duftete es da nicht auf einmal sehr intensiv nach Kaffee und Mokkacremetorte? Von dort drüben, vom Pavillon her? Er lockte und rief nach ihr, der himmlische Geruch. Sie lächelte, dann folgte sie mit langen Schritten der duftenden Gnade der sie rettenden Fantasie.

© Elke Bräunling

* Liedtext von Hoffmann von Fallersleben

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