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Endlich wieder Kniestrümpfe

„Einer der schönsten Frühlingstage im Jahr war für uns Kinder der Tag, an dem wir endlich wieder Kniestrümpfe anziehen durften“, sagte Oma.
Kniestrümpfe? Was war daran so Besonderes?
Mara und Max sahen Oma mit fragenden Mienen an.
„Was ist an einem Kniestrumpf so toll?“, meinte Mara, die am liebsten nur Hosen trug, um wie ein Junge auszusehen.
„Sind das Blaustrümpfe?“ Max, der neulich in der Schule gehört hatte, dass Anja Meier aus der 2 a ein ‚Blaustrumpf‘ sei, horchte auf. Alle hatten gelacht und er hatte mitgelacht, ohne zu wissen, was an einem Blaustrumpf nun gerade so lustig sei.
„Blaue Kniestrümpfe gab es auch damals zu meiner Zeit“, antwortete Oma,
„Ich habe auch Kniestrümpfe“, beeilte sich Mara zu sagen. „Nur mag ich die nicht tragen. Ich mag nur Jeans. Und im Sommer meine Miniröcke mit Sandalen und Socken. Kniestrümpfe sind doof.“
„Oh nein“, ruft Oma fast entsetzt. „Kniestrümpfe waren toll. Besonders im Frühling. Endlich mussten wir nicht mehr die nervig kratzenden und hässlichen Strumpfhosen tragen. Ihr glaubt nicht, wie froh wir darüber waren.“
„Ich habe auch Strumpfhosen“, sagte Mara. „Für den Winter, wenn es eisig kalt ist. Aber keiner sieht die, weil ich sie unter der Hose trage.“
„Ich auch.“ Max senkte schnell den Kopf. Er fand es immer doof, wenn Mama im Winter auf Strumpfhosen bestand.
„Wir hatten keine Hosen“, sagte Oma da. „Das war ja das Dumme. Wir trugen Strumpfhosen zu Röcken oder Kleidern.“ Sie schüttelte sich alleine bei den Gedanken daran. „Dabei mochte ich Röcke und Kleider nie leiden.“
Das stimmte. Mara und Max grinsten. Noch nie hatten sie Oma in einem Kleid oder in Rock und Bluse gesehen. Irgendwie würde es auch nicht zu ihr passen.
„Ich mag deine Hosen“, sagte Max, und Mara nickte.
„Röcke und Kleider kann ich auch nicht leiden. Wie du. Aber was machen Kniestrümpfe zu einem schönen Frühlingstag?“
Oma lachte. „Ganz einfach: Weil dann der Winter endlich zu Ende war. Am ersten sonnig warmen Frühlingstag zogen wir die verhassten Strumpfhosen aus und trugen wieder Kniestrümpfe, egal, wie kalt es in den Tagen und Wochen darauf noch einmal wurde.“ Sie grinste. „Ihr glaubt nicht, wie sehr wir manchmal in unseren dünnen Röcken mit den Kniestrümpfen gefroren haben. Aber zugegeben hat das niemand. Tapfer haben wir gelitten. ‚Wer schön sein will, der muss auch leiden‘, hieß es damals nach einem alten Sprichwort. Und ich sage euch, ich habe gerne gelitten.“
Und nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: „Und ich war auch oft erkältet im Frühjahr. Hosen nämlich durften damals erst wenige Mädchen tragen.“
„Wie doof ist das denn?“ Erschrocken sah Mara ihre Oma an. Ein Leben ohne Hosen konnte sie sich nicht vorstellen. Aber überhaupt nicht.
Max blickte nachdenklich auf Omas Beine. „Und ein Blaustrumpf ist also jemand, der in dünnen Kniestrümpfen friert und vor lauter Kälte blaue Beine bekommt?“
Oma stutzte, dann musste sie noch mehr lachen. „Jahaa. So in etwa.“
Mehr konnte sie nicht sagen vor lauter Lachen.

© Elke Bräunling

Traubenhyazinthen

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