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Blütenfest
Erzählung für Senioren

„Ist es schon so weit? Ist unsere Zeit gekommen?“
Zaghaft blinzelte das junge Röschen in den frühen Tag hinaus. Ihm fröstelte. Es war noch frisch da draußen in der Morgenluft. Kühl fühlten sich die Tautropfen auf seinem Knospenblatt an. Und die Rosenkollegen am Strauch schienen alle noch zu schlafen.
„Ich bin zu früh“, murmelte das Röschen. „Ich sollte noch ein paar Tage ruhen und warten, bis meine Freunde erwacht sind. Und bis sich die Luft wärmer anfühlt.“
Gerade wollte es sich wieder in seine Blattknospe zurückziehen, als es Schritte hörte. Sie klangen schwer und kamen vom Haus her, an dessen Wand der Rosenstrauch seine Heimat hatte. Vor dem Rosenstrauch machten sie Halt. Schwer klang auch die Stimme, die das Röslein nun vernahm. Schwer und traurig und anders als sonst. Es kannte diese Stimme. Sie gehörte zu der Frau, die im Haus lebte.
Das Röslein verharrte reglos und lauschte.
„Was bin ich doch töricht!“, sagte die Frau gerade. „Alleine stehe ich an diesem Sommertag im Garten und gräme mich. Die anderen, die Leute im Dorf, feiern ihr Dorffest. Das Kastanienblütenfest. Wie in den letzten Jahre findet es ohne mich statt. Nur bin ich nicht mehr wütend deswegen, sondern traurig. Es scheint ein fröhliches Fest zu sein, wie man in dieser Nacht hören konnte. Bis lange nach Mitternacht haben sie gesungen und gelacht. Der Wind hat ihre Heiterkeit bis hierher in den Garten getragen und plötzlich ist der Wunsch, dabei zu sein, zu mir zurückgekehrt. Kannst du es verstehen, kleine Rose? Irgendetwas hat sich geändert. Ach, warum habe ich die Einladung wieder abgelehnt? Ich weiß es nicht mehr.“
Die Frau seufzte und das Röslein erschrak. Sprach die Frau zu ihm? Es lauschte. Nein, da war niemand sonst im Garten und die anderen Rosenblüten hatten ihre Knospenhüllen noch nicht verlassen.
„Schade, dass du nicht sprechen kannst“, fuhr die Frau fort. „Ihr Rosen seid stolze Blumen. Das ist bekannt. Und ich bin eine stolze Frau. Das ist auch bekannt. Manchmal aber wird Stolz zur Dummheit. Und nun ist es zu spät für mich.“ Sie nickte. „Jawohl. Es … ist … zu … spät.“
„Und ich bin zu früh“, wollte das Röslein der traurigen Frau zurufen. „Zu früh zu sein ist auch nicht angenehm. Gerne würde ich dir davon erzählen, aber leider versteht ihr Menschen unsere Sprache nicht. Dabei wollte ich dir …“
Das Röslein sprach und blinzelte. Weil es dabei so eifrig bei der Sache war, öffneten sich die restlichen Knospenblätter, die es noch umhüllten, mit einem leisen ‚Pling‘.
Die Frau lachte auf.
„Du bist die erste in diesem Jahr“, sagte sie und ihre Stimme klang ein bisschen weniger traurig. „Wie schön du bist! Und jetzt springen wir beide über unseren Schatten und gehen feiern! Willst du mich begleiten?“
Sie pflückte das Röslein und steckte es in den Ausschnitt ihres Kleides. Dann atmete sie noch einmal tief durch und machte sich auf den Weg zum Festplatz unter den blühenden Kastanienbäumen, wo gerade der Frühschoppen mit Festmusik begann. Ein bisschen freuten sich beide auf das Blütenfest, das Röslein und die Frau, die erkannt hatte, dass Stolz nicht immer der beste Ratgeber im Leben war.

© Elke Bräunling

Blütenzeit

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