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Der Duft der Kastanien

„Immer wenn ich den Duft der Kastanienblüten rieche, denke ich an jene Sommertage, die ich bei meinem Onkel Niklas verbringen durfte. Ach, wie liebte ich sie.“ Oma pflückte eine Kastanienblüte, schnupperte, sog den Geruch, den sie ausströmte, tief in sich ein. „Hmm. Köstlich! Wie sehr ich diesen Duft vermisst habe!“
Ohne auf uns zu achten, nahm Oma auf der Bank, die sich an den Stamm des alten, knortzigen Maronenbaumes lehnte, Platz. Sie lehnte sich zurück, steckte die Nase noch ein bisschen mehr den Zweigen mit dem weißen Kastanienblütenmeer zu und schloss die Augen. Dass wir es eilig hatten und nach der Wandertour unbedingt vor sechzehn Uhr die Bushaltestelle des kleinen Bergdorfes erreichen mussten, schien sie vergessen zu haben. Dabei hatte sie noch kurz zuvor zur Eile gedrängt. Seltsam war das.
„Oma“, sagte mein Bruder Leo und seine Stimme klang sanfter als sonst, „wir müssen weiter, sonst verpassen wir den Bus.“
Er hatte es also auch bemerkt, dieses Andere bei Oma, das so ungewohnt war. Wir kannten dies nicht. Oma war immer so energisch, ruhelos, korrekt und immer in Aktion und ganz anders, wie man sich eine Großmutter vorstellte. Ja, eher wie ein guter Freund – Leo würde sagen, wie ein Kumpel – war sie für uns. Ein Kumpel, der das Sagen hatte und der die Truppe anführte.
Und nun? Nun setzte sie sich trotz aller Eile auf eine Bank und schnupperte an einer Blüte, die zugegebenermaßen interessant, aber beileibe nicht wundervoll oder gar betörend roch. Es war für mich eher ein Duft, den man für einen Augenblick als reizvoll empfand und den man sehr bald satt hatte. Er war zu intensiv. Und überhaupt: Oma schnupperte nie lange an Blumen, und wenn sie es doch tat, machte sie wenig Aufheben davon.
Ich musste niesen. Nein, das war kein Duft, der mich zum Bleiben verlocken konnte.
Ich nieste wieder, lauter nun. Und Leo grinste.
Oma aber reagierte nicht. Es war, als hätte sie sich aus dem Tag gebeamt. Als hätte der Duft der Blüten sie verhext.
Was war mit ihr auf einmal los? So kannten wir sie nicht. Und wer war Großonkel Niklas? Noch nie hatte Oma ihn je erwähnt. Ein Familiengeheimnis?
Eine Träne, die nicht länger zurückgehalten werden wollte, löste sich aus ihren Augenwinkeln und rann langsam über ihre Backe. Sie machte auf der Oberlippe Halt. Wie festgeklebt blieb sie haften, als wolle sie Oma noch nicht verlassen.
Oma und Tränen? Auch das war neu.
Fasziniert starrten wir auf Omas Mund.
Wir schwiegen und warteten. Der Bus war unwichtig. Wenn die Zeit für eine Weile stehen bleibt, sollte man den Teufel tun und sie aufzuwecken versuchen. Es waren jene seltenen Momente im Leben, die man nicht beeinflussen sollte. Deren Lauf man folgen und die man einfach zulassen und genießen sollte. Ja, dies war so ein Moment. Er zeigte unsere Großmutter plötzlich in einem ganz anderen Licht, und ich muss zugeben, es gefiel mir, dieses Licht. Es machte sie weicher und auch zerbrechlicher. Und um noch so vieles liebenswerter.
Ein warmes Gefühl durchflutete mich.
Oh, wie ich sie liebte!
„Oh, wie habe ich ihn geliebt“, sagte Oma im gleichen Moment. „Mein Leben, meine Liebe. Ach, Niklas!“
Sie öffnete die Augen, schüttelte sich wie erwachend und stand auf.
„Wie kann man so blöde sein und sich in den eigenen Onkel verlieben. Könnt ihr mir das verraten?“
Sie blickte zum Tal und dann auf die Uhr.
„Was trödelt ihr hier herum?“, herrschte sie uns dann an. „Habt ihr vergessen, dass der letzte Bus um sechzehn Uhr abfährt? Das wird eng werden. Los! Los! Lasst uns die Beine in die Hand nehmen und ab nach Hause!“
Und schon rannte sie in ihrem gewohnt eiligen Wandertempo, das fast für einen Marathonlauf geeignet wäre, los. Sie war wieder ganz die Alte. Und doch nicht ganz.
„Danke, ihr stinkenden Kastanien“, murmelte ich, während ich hinter Oma und Leo her hastete.

© Elke Bräunling

1Kastanienbaumnostalgie

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