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Himmel und Hölle
Erzählung für Senioren

Lange hatten am Nachmittag die Kinder mit bunter Kreide Bilder auf das Pflaster rund um den Marktplatzbrunnen gemalt. Smileys, Gesichter, Häuser, Blumen, Bäume, Strichmännchen und im vertrauten Caromuster ein Hüpfspiel in Kreuzform mit vielen kleinen Quadraten: Erde, Hölle, Himmel und die Zahlen eins bis neun. Sie hatten viel Spaß. Mit dem Malen, dem Hüpfen, dem Toben und mit der Freude am ungestörten Spiel. Da war nämlich gerade keiner, der sie wie sonst weggerufen hätte zu einer Hausarbeit oder zum Musikunterricht, zum Turntraining oder zur Chorprobe. Der Tag war zu schön und es waren nach den Feiertagen für ein paar Tage Ferien. Die Kinder hatten frei und frei fühlten sie sich auch.
„Wie fröhlich sie heute sind“, sagte die alte Frau Weiße. „Ich könnte ihnen stundenlang beim Spielen zusehen.“
Ihre beiden Freundinnen, mit denen sie das Nachmittagsstündchen auf der Bank unter der Marktplatzlinde verbrachte, nickten.
„Es ist schön zu sehen, wie sie den Ernst, den sie sonst auf ihren Gesichtern mit sich tragen, abgestreift haben“, antwortete eine der Damen. „Sie erinnern mich gerade sehr an meine Kindheit. Irgendwie fühle ich mich in diese Zeit zurück versetzt.“
„Himmel und Hölle“, erinnerte sich die Dritte der Damen. „So haben wir das Hüpfspiel genannt. Stundenlang haben wir es damals gespielt. In jeder freien Minute.“ Sie seufzte, hielt einen Moment inne, dann lächelte sie. „Ich habe es geliebt.“
Frau Weiße lächelte auch. „Den Himmel?“, fragte sie. „Oder die Hölle?“
„Die Hölle natürlich. Für meine Gegnerin. Oder was dachtest du?“
„Und dir der Himmel?“
Die Damen lachten, und in ihren Füßen begann es zu jucken. Da war plötzlich diese unbändige Lust, auch wieder einmal von der Erde zum Himmel – oder in die Hölle – zu hüpfen. Sie sahen sich an und blinzelten einander zu. Später. Sie hatten Zeit.
Als die Kinder von ihren Müttern zum Abendessen gerufen wurden, erhoben sie sich von ihrer Bank und schlenderten langsam, ganz unauffällig zu den Kreidezeichungen hinüber. Dann lag es vor ihnen, das Kreuz aus Vierecken und Zahlen mit der Erde, der Hölle und dem Himmel.
„Dann mal los!“, sagte Frau Weiße. „Hier! Euer Spielstein! Und nicht schummeln!“ Sie reichte ihren Freundinnen je einen kleinen Kieselstein und warf den ihren auf die Eins.
„Wo denkst du denn hin?“
„Ich schummle nie. Noch nie in meinem Leben habe ich geschummelt und …“
„Rede nicht! Hüpfe! Du bist dran.“
„Sind wir dazu nicht doch zu alt?“
„Alt ist nur der, der sich alt fühlt. Los, hüpfe. Du zuerst.“
„Und dann ich. Und …“
Sie verhandelten noch eine Weile, wollten sie einander doch nicht zugestehen, dass ihnen bange war vor dem ersten Schritt, dem ersten Hüpfer, der sie in die Kindheit zurück bringen würde. Und so war es dann auch für ein paar erst zögerlich holperige, dann immer fröhlichere und ausgelassenere Hüpfmomente, in denen sie mal im Himmel und mal auch in der Hölle weilten.

© Elke Bräunling

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Die blaue SchleifeDie blaue Schleife
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