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‚Röslein, rot‘

Von irgendwoher sang jemand ein Lied. Es war ein schönes Lied und handelte von einer Rose. Ein Mann war es, der mit wohl tönender Stimme das Lied sang:
„Sah ein Knab ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, war so jung und morgenschön, lief er schnell, es nah zu sehn, sah’s mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.“
Was für ein schönes Lied! Und die Stimme, klang sie nicht ein bisschen verliebt?
Die weißen Rosen am Rosenbusch am Zaun im Nachbargarten begannen zu träumen. Und jede wollte jung und morgenschön sein und vielen Menschen Freude bringen.
„Welch ein Jammer, dass unser Blütenkleid weiß ist“, sagte eine Rose mit einem Seufzer. „Uns widmet niemand ein Lied.“
Und alle Rosen seufzten. „Welch ein Jammer.“
‚Aber vielleicht‘, so hoffte manch eine von ihnen insgeheim, kommt der fremde Knabe dennoch auch zu uns, um uns mit Freuden anzusehn.’
Und leise, ganz leise, summten die Rosen das Lied mit.
Plötzlich erklang eine zweite Stimme. Sie sang das gleiche Lied, doch die Worte waren andere:
„Sah ein Held ein Röslein stehn dort in Nachbars Garten, lacht’ ihn an, er konnt’ es sehn, wollte nicht mehr warten. Er stieg übern Gartenzaun, wollt das Röslein holen. Unbemerkt im Morgengrau’n hat er’s dann gestohlen. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein in dem Garten.“
„Falsch“, riefen die Rosen. „Das Lied ist falsch.“
Auch das kleine Röslein, das ein wenig im Schatten ganz nahe am Zaun wuchs, stimmte in die Rufe mit ein. Aber es beschwerte sich nicht.
„Mich, mich soll er stehlen, der Rosenheld“, rief es so laut es konnte. „Hörst du, Knabe? Komm und stehle mich!“
Da lachten die anderen Rosen und auch die Bienen, Käfer und Schmetterlingen kicherten. Fröhlich und turbulent ging es zu im Rosenbusch.
Das Röslein errötete und seine Blütenblätter nahmen eine rosig rote Farbe an.
Schön sah es nun aus, das rosig rote Röslein am weißen Rosenbusch, das so gerne gestohlen werden möchte.
„Und ich werde es schaffen“, sagte es. „Weil ich nämlich an mich glaube.“
Und rosig rot blinzelte es auf den Weg hinaus, der draußen am Gartenzaun verlief.
Plötzlich griffen Kinderhände nach seiner Blüte.
„Die ist besonders schön rot“, sagte ein kleiner Junge zu seiner Freundin. „Ich schenke sie dir.“
Und – eins, zwei, drei – zupfte er alle Blütenblätter vom Kopf der kleinen Rose und malte damit einen kleinen, rosaroten Stern in den Sand.
Da freute sich das Röslein, während sich die anderen Rosen im Rosenbusch wunderten. Träume konnten eben manchmal doch wahr werden. Irgendwie.

© Elke Bräunling

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Aus dem neuen Buch:

OMAS SOMMERGESCHICHTEN – Geschichten und Märchen zum Sommer, erschienen im Mai 2017


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