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Der Glückskäfer und die immerwährende Liebe
Erzählung für Senioren

Sorgfältig wickelte Maria das gerahmte Bild wieder in Seidenpapier ein und verstaute es in der untersten Schublade der alten Truhe, gut versteckt unter den Tischdecken. Keiner sollte es sehen. Das Bild war ihr Schatz. Nur für sie alleine war es da, so wie es damals nur für sie alleine aufgenommen wurde.
„Damit du mich nie vergisst“, hatte er ihr gesagt.
Maria lächelte. Niemals würde sie ihn vergessen. Ihr ganzes Leben lang war er, wenn auch nur in Gedanken, bei ihr gewesen. Und heute war sein sein Geburtstag. 
An diesem Tag war Maria stets an ihren Geheimort gefahren, um an ihn zu denken. Alleine hatte sie auf der Blütenwiese am Birkentalbach gesessen und sich an die schöne Zeit mit ihm erinnert. In diesem Jahr aber musste sie schweren Herzens darauf verzichten, da sie schon seit ein paar Monaten nicht mehr mit dem Auto fahren konnte. Ein kleiner Schlaganfall verbot ihr das. Es ging ihr gut, doch das Fahren war einfach zu gefährlich. Aber hatte er nicht immer gesagt, die Natur sei sein Leben, seine Heimat?
Maria ging in den Garten zu dem schmalen Streifen an der Mauer. Anders als in den anderen Beeten wuchsen hier nur Wiesenmargeriten, Kamille, Vogelmiere, Brennnesseln, Klatschmohn und andere Wiesenkräuter, und genau hier fühlte sie sich ihm immer besonders nahe. Sie setzte sich auf die Mauer, wandte ihr Gesicht der Sonne zu und schloss die Augen.
„Wenn du da irgendwo bist, dann gib mir ein Zeichen!“, flüsterte sie.
Doch da war nichts. Die Amsel saß im Kirschbaum und sang ihr Lied, die Meisenfamilie übte mit den Jungvögeln das Fliegen, ein Mäuschen huschte neben ihr durchs Gras, die Nachbarskatze lag im Lavendelbeet und schnarchte leise, Schmetterlinge tanzten im flirrenden Sonnenlicht, Hummeln brummten und ein Marienkäfer machte Halt auf ihrem Arm.
Maria bot ihm vorsichtig ihren Zeigefinger an und der kleine Kerl krabbelte von einem Finger zum anderen. Genauso war es gewesen, als sie mit Jochen auf der Wiese gesessen hatte. Sie glaubte seine Stimme zu hören:
„Nimm du ihn, er will zu dir!“, hatte er gesagt und dann hatten sie den Glückskäfer von ihrer Hand zu seiner und wieder zurück krabbeln lassen. Das war eine ganze Weile so gegangen. Dann war der Käfer fortgeflogen.
„Schau, da fliegt unser Glück!“, hatte sie damals gerufen.
Hatte sie da schon geahnt, dass sie sich nie mehr wiedersehen würden?
Sie seufzte, während sie dem kleinen Käfer zusah. Würde diese Traurigkei je aufhören? Sie vermisste ihn so sehr! Keines der vergangenen einundfünfzig Jahre konnte dieses Gefühl schmälern. Die Zeit heilte eben doch nicht alle Wunden. Nicht in der Liebe.
„Grüße ihn von mir, kleiner Käfer!“, murmelte sie nun. „Wo immer er auch sein mag.“
An einem anderen Ort saß zu dieser Stunde ein alter Herr auf einer Bank neben der alten Brücke, die über das Birkentalbach führte. Er hatte die Augen geschlossen und lächelte. Es war sein achtzigster Geburtstag, ein besonderer Tag, den er an Marias Geheimplatz verbringen wollte. Er war völlig in seinen Erinnerungen an eine glückliche Zeit versunken, als ihn ein zartes Kitzeln in die Wirklichkeit zurückholte.
Ein Marienkäfer hatte sich auf seiner Hand niedergelassen und krabbelte nun aufgeregt von einem Finger zum anderen.
‚Genau wie damals‘, dachte der Mann. ‚Schickt sie dich, kleiner Glückskäfer?‘
Er seufzte tief. „Sende ihr einen Gruß von mir!“, flüsterte er dem Käferchen zu, der sich aufpumpte und abflog.
„Da fliegt unser Glück!“, sagte Jochen. Tränen liefen über seine Wangen.

© Elke Bräunling & Regina Meier zu Verl

 

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