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Das Rosenhaus

Oma Lina wohnte in einem sehr alten Haus, das von allen nur das ‚Rosenhaus‘ genannt wurde. Der Name passte prima, denn das kleine Häuschen war ringsum von Rosensträuchern und -büschen umgeben. Überall wuchsen Rosen: im hinteren Garten und an der linken Seite, wo sich auch der Eingang befand. Ebenso rechts am kleinen Weg, der zum Schuppen führte und natürlich im Vorgarten. Klar, dass auch an den Hauswänden Rosen bis zum Dach hinauf kletterten. An manchen Stellen sah man im Sommer vor lauter Rosen die Hauswände nicht mehr. Und wenn all die vielen Rosen blühten, ähnelte das kleine Haus einem großen, bunten, sehr edlen Schmuckkästchen. Toll sah das aus!
Von weither kamen Leute, um sich Oma Linas Rosenhaus anzusehen. Eigentlich standen im Sommer immer irgendwelche Fremde mit Fotoapparaten und Filmkameras vor dem Haus und bewunderten es. In der ganzen Straße könnte man ihre Ohhh!- und Ahhh!-Rufe hören.
Manchmal kamen auch Leute von Film- oder Fernsehproduktionen. Sie drehten Filmszenen vor dem Haus, manchmal auch im Garten. Es gab auch Zeitungsberichte und Interviews über Oma Lina und ihr Rosenhaus.
Das war spannend und Oma Lina war eigentlich nie langweilig. Wenn man sie nach dem Rosenhaus und den vielen Rosen fragte, gab sie gerne Auskunft. Und wenn sie besonders gut gelaunt war, lüftete sie manchmal sogar das Rosenhausgeheimnis.
„Einen Rosengarten hatte er mir versprochen“, erzählte sie dann. „Von Anfang an. Er war ein richtiger Rosenkavalier. Immer trug er eine Blüte im Knopfloch und immer brachte er mir Rosen mit: eine einzelne Blüte, ein Strauß oder einen Rosenpflanze. Es war Tradition, dass wir an unserem Jahrestag und an den Geburtstagen im Garten einen Rosenstrauch pflanzten. Viele Jahre lang. Und so ist aus unserem Garten ein Rosengarten geworden.“
An dieser Stelle pflegte Oma Lina zu nicken. Dann lächelte sie.
„Oh, wie sehr haben wir uns geliebt! Und die Rosen, die sind unsere Kinder.“
Und die Zuhörer pflegten an dieser Stelle tief zu seufzen und sich auch so eine romantische Rosenliebe zu wünschen.
„Was für eine zauberhafte Romanze“, sagten einige dann. „Die große Liebe der kleinen Rosenfrau.“
Liebe? Romanze?
Oma Lina stutzte.
„Sie glauben, ich hätte eine Romanze gehabt? Mit meinem Vater? Aber bitte! Wo denken Sie hin?“ Verschmitzt sah sie ihre Besucher an. „Das hätte meinem Mann gar nicht gefallen. Und der, ja, der mochte Rosen nicht sonderlich leiden. Er war nämlich eher der … Nelkentyp.“
Dann lachte Oma Lina. Laut und fröhlich. Zu komisch sahen sie aber nun auch aus, die verdutzten Gesichter ihrer Zuhörer.

© Elke Bräunling

Rosenstrauß

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