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Rosen für Rosalie
Erzählung für Senioren

Endlich blühen die Rosen. Sie sind spät. Lange haben wir auf die ersten Blüten gewartet und ein bisschen bang ist uns auch ums Herz gewesen. Der Frühling war kühl und auch in den ersten Junitagen hat sich die Sonne rar gemacht. Nach Sommer fühlt sich diese Zeit auf jeden Fall nicht an und das denken sich wohl auch die Rosen. Sie haben lange ihre Blüten in den Knospen versteckt und ich habe manchmal sogar gedacht, sie würden in diesem Jahr gar nicht aufblühen und gleich mit der Knospe verwelken. Das ist natürlich Quatsch, aber wenn man auf eine Sache, die sehr wichtig ist, zu lange wartet, fängt man an, sich seltsame Dinge und hässlichen Sorgenkram auszumalen. Und unsere größte Sorge war, dass die Rosen nicht rechtzeitig zum Fest blühen würden.
Eine Rosenüberraschung zum Familienfest haben wir uns ausgedacht. Und mal ehrlich: Was soll man von einer Rosenüberraschung ohne Rosen halten? Außerdem brauchten wir viele Rosenblütenblätter für das Fest. Die waren wichtig, denn als Überraschung für unseren Ehrengast, Urgroßtante Rosalie, hatte Papa ein Bild gemalt von einem Rosengarten mit vielen Rosensträuchern und einer Bank und ein bisschen sollte man auch von dem Haus, zu dem der Garten gehört, sehen.
Es ist ein altes Gutshaus und dort hat die Urgroßtante als Kind gelebt. Das ist zwar schon über achtzig Jahre her und wegen dem Krieg musste die Tante mit ihrer Familie flüchten und das schöne Haus mit dem tollen Rosengarten verlassen. Aber ganz verlassen hat sie es nie. Immer nämlich, wenn sie von glücklichen Zeiten und Träumen erzählt, meint sie noch heute die Zeit, in der sie damals dort gewohnt hat.
Klar, auch nach dieser doofen Flucht hat sie bestimmt viele glückliche Zeiten gehabt, aber jene in dieser ‚alten‘ Heimat waren für sie und ihre Eltern und Schwestern immer etwas glücklicher als glücklich gewesen. Das ist schwer zu verstehen. Wenn ich mir aber die alten Bilder von dem alten Haus und dem großen Garten, der eigentlich ein Park war, betrachte, kann ich verstehen, dass man dort auch ohne Fernseher und Computer und Handy glücklich sein kann. Ja, das verstehe ich gut und ich …
Aber halt, das möchte ich gar nicht erzählen. Was ich sagen will, ist, dass wir uns wie immer auch dieses Mal ganz toll über Urgroßtante Rosalies Besuch freuen. Und weil wir ihr diese Freude einmal so richtig zeigen wollen, haben wir die Idee mit dem Rosenbild gehabt. Papa hat es von einer alten Fotografie abgemalt und mit Kreide groß in unserem Hof auf den Boden gezeichnet. Vom Wohnzimmerbalkon kann man es sich nun ganz prima ansehen. Mit vielen Blütenblättern wollen wir die Rosenbüsche auf diesem Bild zum Fest nun noch ‚ausmalen‘, sodass es aussieht, als blühten die Rosen im Bild rosenbunt.
Eine ganz feine Überraschung wird das sein. Zum Glück ist es seit gestern doch warm geworden und die Sonne scheint. Bis Samstag haben wir Zeit für unser Bild und ich weiß, dass wir es schaffen werden mit unserer Rosenüberraschung für die Tante, die die Rose in ihrem Namen trägt. Wetten?

© Elke Bräunling

Rosen und das alte Haus

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