Schlagwörter

, , , , , , , ,

Ein blaues Wunder für Opa
Erzählung für Senioren

„Ich hab den Opa gesehn“, sagte Patrick beim Abendessen.
„Fein“, meinte Mama und stellte die Salatschale, die Patrick Stück für Stück zu Oma hinüber geschoben hatte, wieder zurück neben Patricks Spaghettiteller.
Patrick verzog das Gesicht zu einer Schnute. Er mochte Salat mit Paprikastücken nicht leiden. Und mit diesen grünen, bittereren schon gar nicht. Mama sollte das wissen.
„Ich mag diesen …“, begann er. Er kam nicht weiter, denn Mamas Blick sah gar nicht freundlich aus.
„Iss!“, sagte sie.
Flehend sah Patrick Oma an. Sonst ‚half‘ sie ihm immer, wenn Patrick Dinge essen sollte, die er so gar nicht mochte. Heute aber schien Oma dies vergessen zu haben. Irgendwie aufgeregt war sie und sie blickte auch immer wieder auf die Uhr.
„Du hast den Opa gesehen?“, fragte sie nun. „Er müsste längst aus der Stadt zurück sein. Wo hast du ihn denn gesehen? Und wann?“
Das waren zwei Fragen zu viel für Patrick. Er nickte.
„Ja, was nun?“, hakte Oma nach.
„Den Opa. Das habe ich doch schon gesagt“, brummte Patrick, der sauer wegen der Paprikastücke war.
„Und was hat der Opa gemacht?“, fragte Mama.
„Getanzt“, antwortete Patrick und schob den Salat wieder vor Omas Teller.
„Getanzt?“, schrie Oma erschrocken und vor Schreck piekte sie eins, zwei, drei, vier Paprikastücke auf ihre Gabel und steckte sie in den Mund.
Mama kicherte und Oma kaute. Den Paprika. Und sie verschluckte sich, hustete, bekam rote Backen, hustete wieder, nieste.
Patrick nickte. Wusste er es doch, dass Paprika ein heimtückisches Zeugs war.
„Opa tanzt nie“, sagte Mama, während sie beruhigend auf Omas Rücken klopfte.
„Er fsagt immer, dassf er nifchst tanzfen kann“, hickste Oma zwischen den Hustern. „Er hfat noch nie getfanzt und …“
Lustig sah es aus, wie Oma mit rotem Gesicht und Hustern zu sprechen versuchte. Und lustig klang es auch.
Während Patrick interessiert Oma beim Hicksen und Husten zusah, sortierte er die restlichen Paprikastücke aus seinem Salat und schmuggelte sie in Omas Salatschale
„Opa tanzt toll“, erzählte er dabei, während Mama noch immer Omas Rücken tätschelte. „Alle haben geklatscht.“
„Ge-ge-geklatscht?“ Oma riss die Augen auf. Weit. „Wo denn? Und wann? Nun sag schon!“
„Boh! Was bin ich satt!“ Patrick schob den fast leer gegessenen Teller zur Tischmitte und sprang auf. „Darf ich noch ein bisschen raus gehen?“
„Nur wenn du uns erzählst, warum Opa tanzt?“, sagte Mama.
„Und wo und wann?“, fügte Oma, die nun nicht mehr hickste, hinzu. Sie klang nun wütend. „Wenn ich den erwische. Hat er mir doch gerade gestern Abend beim Sommerball vorgeschwindelt, er könne keinen Schritt tanzen wegen seines schmerzenden Knies.“
Mama kicherte wieder. Opas Knie schmerzte immer, wenn es ums Tanzen ging.
Und Patrick hatte keine Lust mehr auf dieses Thema.
„Vorhin. Auf dem Boule-Platz“, antwortete er unwirsch.
„Auf dem Boule-Platz?“
„Getanzt? Wie das?“
Ungläubig starrten Mama und Oma Patrick an.
„Ja.“ Patrick verstand die Aufregung nicht. „Mit Onkel Bernhard ist er um die ganze Bahn getanzt, weil sie gewonnen haben. Und ganz doll gefreut haben sie sich dabei. Weil das nämlich so etwas wie ein Wunder war, das mit dem Boule und …“
„Und sein Knie? Das hat doch gestern Abend so sehr geschmerzt? Wie kann er da …“ Rot im Gesicht war Oma nun. „Na, der soll mal nach Hause kommen. Er wird sein blaues Wunder erleben.“
„Fein. Noch ein Wunder.“ Patrick freute sich. „Vielleicht tanzt er dann gleich auch noch einmal?“
Dazu schwieg Oma lieber, und auch Mama kicherte nicht mehr.
Die Sache war ernst. Da konnte wirklich nur ein Wunder helfen. Armer Opa!

© Elke Bräunling

IMG_4107

Advertisements