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Die Stubenfliege
Erzählung

Wenn sie ihre Vorderbeinchen reibt, stelle ich mir vor, wie sie sich genüsslich die nächste Attacke auf und gegen mich ausmalt, wie sie zum Angriff bläst, wie ihr schon das Wasser im Munde zusammenläuft und sie Blut riecht. Mein kostbares süßes Blut.
Ich meine, sie grinsen zu sehen. Von oben herab, als wolle sie sagen: Du entkommst mir nicht. Ich krieg dich und dann hast du nichts zu lachen.
So oder so ähnlich wird sie sich ihren nächsten Angriff auf mich ausmalen und sie wird lachen. Innerlich lachen, hämisch fast, den sie kennt meine Ohnmacht und meine Hilflosigkeit. Ich bin ihr ausgeliefert. Auf Gedeih und Verderb.
Unverschämtheit.
„Hau ab, Mistviech!“ Ich wedele mit den Armen, wehre mich, fluche.
Sie kichert, umkreist meinen Kopf mit fröhlich geckerndem Summsummen und bläst zur nächsten Attacke. Doch sie macht es spannend. Zuerst einmal setzt sie sich genüsslich hin, in Sichtweite, klar, wissend, dass ich sie nicht fangen würde. Nicht mit der Hand, nicht mit der Serviette, nicht mit einer Zeitung und schon gar nicht mit der Fliegenpatsche. Nichts würde klappen. Ich würde zu langsam sein und sie weiß das. Klar, weiß sie es. Schließlich kämpfen wir schon eine Weile miteinander. Genau genommen den ganzen Nachmittag. Ich sitze am Schreibtisch, arbeite. Sie umkreist mich, arbeitet auch. Ihr Job ist, ja, was ist ihr Job eigentlich? Das Menschenärgern? Was will sie von mir? Mich anfliegen, berühren, betatschen, befühlen, riechen, schmecken und warum? Sie beißt nicht zu. Hunde, die bellen, beißen nicht. Fliegen, die nerven, stechen nicht?
Und diese da, die sticht auch nicht. Oder doch. Sie sticht anders. 1001 gefühlte kleine Nadelstiche in und auf mein Nervenkostüm. Wieder und wieder. 1001 gefühlte Abwehrschläge und ebenso viele Flüche.
„Hau ab, blödes Vieh! Du nervst!“
Ich keile aus, rudere mit den Armen, kämpfe gegen die Frusttränen.
Und sie, sie lacht.
So geht das den ganzen Nachmittag. Ein ungleicher Kampf.
Du kriegst mich nicht. Ich krieg sie nicht. Und wieder verloren.
Ich raste aus, nein, besser ich gebe auf.
„Du hast gewonnen.“ Meine Stimme klingt matt. Ein Kampf im Fliegengewicht macht müde. Und milde.
Mein Verdruss wandelt sich in Bewunderung.
„Was für eine Kämpferseele!“, murmele ich. „Du hast gewonnen.“
Und ich beschließe, nicht mehr nach ihr zu schlagen. Als Lohn für ihren Kampfesgeist. Nein, ich werde sie ehren und schützen und vor Unbill bewahren. Ich könnte sie auch adoptieren. Und einen Namen könnte ich ihr geben.
„Hey, Fliege, wie würde dir ‚Frederika‘ gefallen? Nein? Nicht? Und Christiane? Zu altmodisch. Ah, ich verstehe. Wie wäre es mit Chantal? Ah, zu klischeebesetzt. Ja, kann ich verstehen. Verzeih! Dann schlage ich dir Elisabeth vor. Zeitlos, bewährt, beliebt. Ach, nun brumme nicht so. Es war ja nur ein Vorschlag. Ich schlage nicht mehr nach ihr, ich schlage Namen … vor. Einen Namen nach dem anderen. Die Fliege zeigt Verdruss, scheint unwillig.
Ich soll die Klappe halten. Mein Gequatsche irritiert. Stört beim unverdrossenen Angriffsspiel.
Aha! Ich verstehe. Ich störe. Ich bin ein Störenfried. Entschuldige!
Ich stehe auf und gehe aus dem Zimmer. Auf Zehenspitzen. Ich will sie nicht noch mehr verärgern und irgendwann braucht auch die engagierteste Stubenfliege ihre Ruhe.

© Elke Bräunling

Stubenfliege auf Grashalm

Krabbel-Fliege

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