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Stein der Zeit
Erzählung

„Was machst du hier?“, fragte das Mädchen.
Der Mann sah auf, schrak aus seinen Gedanken.
„Was ich hier mache? Nun …“ Er warf einen Blick auf seine Uhr, schwieg. Es war ein hektischer Blick. Ein Blick, der sein Erschrecken offenbarte. Erschrecken darüber, dass er viel zu lange nicht mehr auf die Uhr gesehen, dass er die Zeit vergessen, verloren hatte. Kein Wunder. Das Handy funktionierte hier in den Weinbergen hinter dem Bildstock der heiligen Cäcilie nicht. Es hatte keinen Empfang, sendete keine SMS-Kennungen und Push-up-Nachrichtssignale. Durch sein Schweigen schaltete es die Zeit vom Lauf des Tages ab. Erbarmungslos. Konsequent.
„Zeit“, murmelte er. „Ich suche die Zeit.“
„Hast du sie verloren?“, fragte das Mädchen. Es blickte den Mann an. Ungläubigkeit funkelte ihm aus ihren Augen entgegen.
Er nickte. „So kann man es nennen“, murmelte er und spürte dabei ein Erwachen aus einem dunklen Schlaf.
„Zeit kann man nicht verlieren“, sagte das Mädchen. „Meine Mama sagt, man kann sie vertrödeln.“
Es nickte, um ihre Worte zu bekräftigen. „Trödelliesen vergessen die Zeit. … Bist du eine Trödelliese?“
Trödelliese. Ihm gefiel dieses Wort. Es strahlte jene heitere Gemütlichkeit aus, die er für sich verloren zu haben glaubte. War es nicht ein altes Wort? Eines, das längst auf der Liste der vergessenen Worte ein Dasein im Staub der abgelegten Erinnerungen fristete? Er wusste es nicht, nahm sich aber vor, dem nachzugehen. Auf der Suche nach dem verlorenen Wort in einer verlorenen Zeit.
„Proust“, sagte er leise mehr zu sich. „Der Schriftsteller Marcel Proust und die verlorene Zeit. Kennst du es?“
„Prost?“ Das Mädchen nickte. „‚Prost‘ sagt mein Opa, wenn er sein Weinglas hebt. Er sagt es, nickt den Leuten am Tisch zu und lacht. Dann trinkt er. Meinst du dies etwa?“
Es machte eine Pause. Schwieg.
„Ich glaube, mit diesem ‚Prost‘ schmeckt ihm der Wein besser. Aber ob er damit auch Zeit findet, die er verloren hat …“ Die Worte des Mädchens enden in einem unverständlichen Murmeln. Es kniff die Augen zusammen. So schien es besser nachdenken zu können. Dann bückte es sich nach einem Stein, der aus der Trockenmauer gebrochen war, besah ihn sich für einen Moment, reichte ihn dann dem Mann.
„Den schenke ich dir. Er hat viel Zeit gesammelt. Vielleicht findest du deine Zeit hier wieder? Doch nun muss ich gehen. Mein Opa wartet.“
Es schenkte dem Mann ein Lachen … und war verschwunden.
Lange sah der Mann dem Mädchen hinterher. Er umschloss den Stein, ein Sediment aus vielen hundert und mehr Jahren, fest in seiner Hand wie ein kostbares Geschenk. Und das war er auch, dieser Stein der Zeit.

© Elke Bräunling

1stein der zeitVergänglichkeit der Blumen

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